Logbook: LH796 FRA-HKG, Dep. 20:50, due to document checks left 100 bags behind. Massive TS in the vicinity of VHHH

Mein letztes Jahres als aktiver Flugkapitän, als Angestellter der Lufthansa AG, es beginnt jetzt. 40 Einsätze, kaum mehr, ist das, was noch vor mir liegt, bevor das nächste Kapitel meines Lebens beginnt.
Und gleich zu Beginn werde ich daran erinnert, warum ich mich für den Abgang entschied. Ein Anruf des Besatzungseinsatzes am freien Tag. HKG statt ABV. Zimmerquarantäne statt Gartenrestaurant. Airport lockdown statt downtown. Zweieinhalb Tage lang. Natürlich über’s Wochenende. Überhaupt habe ich den Eindruck, LH fliegt nur noch an Wochenenden. Das könnte man zumindest aus meinem Dienstplan so schließen.
Am Dispatch treffe ich Burki. Der Mann, der mich zum Segeln gebraucht hat.
Zwei Kapitäne klopfen sich auf die Schultern. Wie in guten alten Zeiten, soll heißen, fast wie vor der Pandemie.
Burki Antrag zum freiwilligen Ausscheiden, das für uns alle mit einem satten Handgeld verbunden ist, ungterschrieben zu Hause liegen lassen. Er konnte sich nicht dazu durchringen.
Ich wünsche Happy Landing in Sao Paolo und wechsle zu meiner Crew am Tresen gegenüber. Als ich einige Minuten später wieder rüber schaue zum Segler mit Anker auf dem Unterarm, ist er weg. Grußlos.
Wir fragen uns seit geraumer Zeit, ob wir diesen Freund verloren haben. Als Spätfolge des Karibikstörns womöglich, wo wir auf unterschiedlichen Seiten der gespaltenen Crew standen. Oder als Folge einer immer weniger kompatiblen Haltung, den Ereignissen der Welt gegenüber. Burki konsumiert KenFM. Er gibt der Regierung die Schuld an der Pleite seines Unternehmens. Er hält COVID für eine leichte Grippe, und sagte zuletzt, er werde seine junge Familie nicht impfen lassen.
Wir hingegen sind geimpft, nehmen uns vor dem Virus in Acht und lassen Frau Merkel und ihre Minister schalten und walten. Sie kochen mit demselben Wasser wie fast alle Regierungen.
Wir sind für ihn wahrscheinlich ‚die Anderen‘. Dazwischen gibt es nichts mehr. Nach nur einem Jahr.
Oder Burki interessiert sich nicht mehr für uns, weil er irgendwann eingesehen hat, dass da nichts geht, mit ihm und meiner Frau. Der Schwerenöter in offener Beziehung, die vermutlich so gedacht war, dass sich vor allem seine junge Frau nicht auf ihn festlegen lässt.
Es kam allerdings so, dass sie ihr Leben auf einem Dorf an der Ostsee mit Katze, Kind und Klepper verbringt, während der Jumbokapitän sich auf Strecke einen Ruf als Grabscher erarbeitete. Seit er hörte, dass wir das Catonium kennen, seit wir ihm erotische Fotos gezeigt haben, hat er es auf Carola abgesehen. Nein Burkhart, Macht und Ohnmacht ind er Sexualität haben nichts mit einer offenen Beziehung zu tun!

Ich sitzte am Schreibtisch mit dem Blick auf ein Flughafenterminal. Nebenan löschen Highspeed-Frachter Container. Gelegentlich fliegt eine 777 von Cathay Pacific auf die 25L an. Wenn gleich in Kowloon die Nacht den Tag verdrängt, füllen sich dort in den Restaurants die Tische, auf den Terrassen von Knutsford werden die Chinesen und ein paar Expats kühle Drinks bestellen, denn das Thermometer bleibt über dreißig Grad. Ich scanne den QR Code der Menükarte und bestelle Asiatisches in Pappe und Plastik. Morgen Nacht werde ich das letzte Mal auf der 25L stehen, die Schubhebel nach vorne legen und „Take Off“ in HKG rufen.