Kurzgeschichten

von Klaus Maria Fischer

FUITINA ... Zerzaustes Haar, graues Gestrüpp am Kinn, zwei Wochen alt. So stand ich vor dem Schaufenster des Geschäftes.

Zerzaustes Haar, graues Gestrüpp am Kinn, zwei Wochen alt. So stand ich vor dem Schaufenster des Geschäftes. In der verschmutzten Scheibe spiegelte sich mein Gesicht in der Nachmittagssonne. Ränder und Falten um Augen und Mund. Eine Laune, die mich im Lauf des Tages niedergeschlagen hat wie eine Nebelbank, feuchtkalt über Land gelegt. Ich hatte die Trampelpfade der Besuchermassen in der portugiesischen Hauptstadt verlassen, nachdem mich die schiere Menge der Menschen zu überfluten drohte und befand mich in einer wenig belebten Seitengasse der Altstadt. Keine Chance, auch nur einen Palast, eine Kirche oder den Turm von Belem in Ruhe zu betrachten. Ja, es war noch nicht einmal möglich, sich in der Stadt der Seefahrer, von der ich mir so viel versprochen hatte, gefahrlos zu bewegen. Kurz zuvor hatte mich eine Gruppe Engländer an der Tür der Tram der Linie achtundzwanzig tätlich überrannt und gefährlich zum Taumeln gebracht, als gelte es, ein Fußballstadion schnellstmöglich zu räumen. Das hatte meinen jetzigen Ärger wohl ausgelöst. Vor allem aber versetzten mich die in der Stadt verstreuten Installationen von Fotoplakaten in Unruhe. Schwarzweiße lebensgroße Aufnahmen vom Tag des Protests. Bilder von Menschen, die sich stumm um Panzer scharten. Ein ängstlich-neugieriges Kind, das sich an das Bein eines Mannes klammert. Eine Blume im Gewehrlauf eines Soldaten, der erleichtert in die Kamera schaut. Erinnerungen an jenen schicksalhaften Tag, der als Revolution der Nelken in die Geschichte einging – an den Originalschauplätzen. Betroffenheit. Entsetzen. Ein Gefühl, als wäre man dabei gewesen, verstärkt noch durch die Ignoranz der meisten Touristen gegenüber dem Dargestellten, das bei einem Palast-Selfie nur stört. Kritische Kunst taugt nicht als Hintergrund für die Unkultur des Überflüssigen. Wie konnte es sein, dass ich von diesen Umstürzen mitten in Europa, und zu einer Zeit, als ich bereits zur Schule ging, nichts wusste?

Ich tauge nicht zum Touristen, fragte mich nicht zum ersten Mal, warum ich mir das überhaupt antue, eine Städtereise, allein. Die Antwort dazu fiel seit Wochen gleich aus: Missmutig in einem kleinen Appartement im Berliner Osten aus dem Fenster auf Baustellen zu starren, ist keine Lösung für einen wie mich, einen Weltumsegler ohne Heimathafen, ohne Boot. Also raus. Unter Leute.

Das Fenster, vor dem ich jetzt stand, ging indes nach innen. Ein Plakat klebte an seinem linken Rand, eine Art Preisliste, wie ich aufgrund der übereinander notierten Eurobeträge am rechten Rand schloss. Ein Barbiershop. Eine Erinnerung an Kindheitstage, die meine unsortiert vor sich hintreibenden Gedanken in eine ganz andere Richtung lenkten: Alte, teilweise vergilbte Fotos, die mir meine Mutter oft gezeigt hatte. Darauf war ein Mann mit einem gezwirbelten Schnurrbart zu sehen, der neben einem Drehsessel mit Arm- und Fußlehnen posiert. Im Hintergrund eine Kommode mit Spiegel, auf der ein Rasierpinsel neben einer Seifenschale liegt. Und ein Rasiermesser. Früh lehrte mich meine Mutter die korrekte Bezeichnung dieser Utensilien, die ich selbst nie benutzt habe. Ich rasiere mich trocken. Mein Großvater kehrte nicht aus dem Krieg zurück, hieß es damals, und danach gab es keinen Barbierladen mehr. Auch meine Mutter verließ mich früh.

Ich war nicht bereit, mit meiner Vergangenheit auf diese Weise konfrontiert zu werden. Ich bin es vermutlich nach wie vor nicht. Aber immerhin, ich darf hoffen, aus dieser Sache mit einer Narbe davon zu kommen.

Seltsam, dass sich mir die verschüttet geglaubten Vorgänge in meiner Familie vor dieser schmutzigen Scheibe in Lissabon so deutlich wieder aufdrängten. Ich ließ meinen Blick am Preisschild vorbei ins Innere des Ladens gleiten und fühlte mich in eine Vergangenheit zurückversetzt, die mir gleichermaßen vertraut und doch fremd war. Die zwei Friseurstühle im Raum erinnerten an britische Chesterfield Sofas mit rautenförmig angelegtem Knopfmuster im Leder. Die Tische, vor denen sie standen, mit Schubladen in dunklem Holz, Marmorplatten und rundem Spiegelaufbau, schienen eine exakte Kopie der alten Fotos und dann sah ich jene Stange mit rotierenden Streifen, die mich schon als Kind faszinierte. Meine Mutter hatte mir erklärt, dass die Streifen in Blau, Weiß und Rot sich wie ein Karussell lustig drehten, was man sich unbedingt vorstellen müsse. Diese Stange hing vor Großvaters Laden neben der Eingangstür und zeigte unmissverständlich an, wer hier seinem Handwerk nachging. Offensichtlich ein veraltetes Requisit. Ich habe es noch nie vor einem Friseurladen gesehen. Dass dieser Laden einen Barberpole im Innenraum angebracht hatte, war wohl allein der nostalgischen Ader seines Betreibers zuzuschreiben. Ohne es mir recht zu überlegen, öffnete ich die Ladentür, trat ein und fand mich kurz darauf in einem der beiden Sessel wieder, zu dem mich ein Mann mit Vollbart und Pomade im Haar, zunächst auf Portugiesisch, dann in einfachem Englisch, geführt hatte, nachdem wir meine Wünsche mit Hilfe von Handzeichen geklärt hatten. Das Offensichtliche bedarf meist weniger Worte.

Es war ein Versuch, der Menge zu entfliehen, vermischt mit einer Art romantischer Neugier. Auch Langeweile spielte eine Rolle und die Idee, durch eine äußerliche Neuordnung im Gesicht auch die innere Ordnung wieder herstellen zu können. Von Frauen kennt man ein solches Verhalten eher als von Männern.

Der Laden verströmte einen würzigen Duft, der an Tabak erinnerte und in der Tat bekam ich kurz darauf eine Zigarre aus einer Holzschachtel angeboten. Ich lehnte ab. In einem Regal aufgereiht standen aufwändige Blechdosen, die viel versprachen. King Brown, Womanizer, Ernst&Ernst No. 1. Ich begann, mich wohl zu fühlen an diesem Ort, in den Händen dieses Mannes, der für mich aus der Zeit gefallen schien. Ganz wie ich selbst, er war mir wie ein Verbündeter. Bald schon hatte ich den Lärm der Straße hinter mir gelassen, schloss die Augen und spürte, wie sich ein feuchtes Tuch auf Kinn und Hals legte. Ich hörte die Stimme einer Frau. Sie schien Erklärungen darüber abzugeben, was sie tat, aber ich verstand sie nicht. Als ich die Augen öffnete, sah ich einen mächtigen Busen, der sich im Rhythmus kräftiger Arme wog. Dazwischen ein weiches Kinn, die doppelte Öffnung von Nasenhöhlen, und irgendwo hinter dieser verkehrten und von struppigem Haar eingerahmten Hügellandschaft nahm ich ein wässriges Augenpaar wahr, das sich auf die Arbeit der Hände konzentrierte. Ich murmelte ‚obrigado‘, vielen Dank, und ’no comprendo‘. Keine Ahnung, warum einem immer wieder spanische Brocken herausrutschen in diesem Land, das sich doch einer ganz eigenen Sprache rühmt und gerade mit der des Nachbarn nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Mein Fauxpas blieb indessen ohne Folgen, denn wie sich herausstellte, hatte die Barbierin italienische Wurzeln, sprach durchaus englisch und war auch des Deutschen etwas mächtig. „Entspanne sie, Signore.“, hielt sie mich mit starkem Akzent an, und ich konzentrierte mich auf mein dampfendes Gesicht, während sie in einer Schale Schaum anrührte.

Ich kann mir nicht erklären, warum sich mir gerade in diesem Moment meine Zeit auf Sizilien aufdrängte. Lange vergangen und lange hatte ich nicht mehr daran gedacht. An die Frau, von der ich mich verführen ließ, an unser Häuschen bei Taormina, an die drei Gören, an die Familie, die als Wurzel des ganzen Übels meinen Abgang schließlich unausweichlich machte. So klar konnte ich das heute formulieren. Auch diese Geschichte hat ihren Anfang damit genommen, dass ein Mann ein wenig verirrt einen Friseursalon betrat. In Palermo. Ein junger Weltenbummler auf einer einsamen Bootsreise, der eines griechischen Helden gar nicht unähnlich. Er war ohne konkretes Ziel durch die Gassen der Altstadt gebummelt und auf die Friseurschülerin Marcella getroffen. Er war geblieben. Sie spazierten durch die Gassen der Stadt und bereits damit war die Grundlage zu jenem großen Missverständnis gelegt, das auch heute noch manche Männer und Frauen verhängnisvoll aneinander kettet. Er erzählte ihr, dass er auf dem Weg nach Suez sei, dort den Kanal passieren wolle, dann weiter nach Asien. Sie wollte nur eins: Raus aus dem Korsett eines Lebens, das ihr von den strengen Eltern vorgegeben war, die noch im vorigen Jahrtausend zu leben schienen. Außerdem war er Katholik. Was sollte da schiefgehen.

Der unbedarfte Mann, ein Junge fast noch, brannte mit ihr durch an einen Ort, wo sie niemand finden, und ohne die geringste Vorstellung davon, was das für ihn, was das für sie beide, bedeuten würde. Sie stieg zu ihm ins Boot und sie steuerten jene Inseln an, die einstmals vom Gott der Winde beherrscht wurden. Zum Sonnenuntergang liebten sie sich an den schwefligen Hängen des Volcano. Nicht viel hätte gefehlt und die Geschichte hätte kein gutes Ende genommen. Liebestrunken waren sie Arm in Arm liegend eingeschlafen und nur durch einen Zufall von einem Einheimischen vor den schwefligen Gasen des Kraters gerettet worden. Es war naiv, dies als Zeichen zu deuten. Der junge Mann wusste nichts über die Ehre dieser Südländer, wusste nichts über die seit Jahrhunderten geübte Praxis der Liebesflucht – Fuitina: Ein Paar, dessen Verbindung durch eine der Familien abgelehnt wird, kann demnach dadurch zusammenkommen, dass es für eine gewisse Zeit eine kleine Ausflucht nimmt. Die Familie, auf diese Art gedemütigt, weil mit dem Verlust ihrer Ehre durch die Möglichkeit eines lebendigen Zeugnisses aus einer ungewollten Verbindung bedroht, rettet sich und das Paar durch eine Einwilligung in die Ehe, die dadurch gesetzt ist. Der junge Deutsche hatte keine Ahnung, worauf er sich einließ. Schon gar nichts wusste er über einen Ehrbegriff, der über dem geschriebenen Recht steht und außerhalb desselben vollstreckt wird. Was ihm zuerst auffiel, war, dass die junge Frau es plötzlich nicht mehr so eilig hatte mit Suez.

Heute kann ich über den wohl gröbsten Fehler meiner Jugend schmunzeln. Allerdings vermag ich nach wie vor nicht zu sagen, ob der Fehler darin bestand, mich auf das Mädchen eingelassen oder meine junge Familie zurückgelassen zu haben.

Die Barbierin begann, mir das Kinn mit einem Pinsel aus Dachshaar einzuseifen. Mein Großvater hatte dies bei seinen Kunden wohl täglich praktiziert. Um ein wenig Konversation zu machen, verriet ich der Italienerin, die ungefähr in meinem Alter sein musste, obwohl sie deutlich älter aussah, dass ich einst ein Mädchen aus Palermo kannte. „Si Signore, eine wunderbare S’tadt.“

Fünf lange Jahre habe ich diese Insel und ihre Menschen ertragen. Die feurige Sizilianerin, die Geburt dreier Töchter und die Schwiegermutter, die mit ihren zwei kräftigen Söhnen über sie wachte wie ein weiblicher Höllenhund.

Ehre. Jener schwer verdauliche Begriff gegenseitiger Achtungswürdigkeit hinterlässt bei uns heutigen Nordeuropäern meist ein verständnisloses Kopfschütteln, wenn wir damit konfrontiert werden. Auch ich empfand die Anforderungen, die an mich gestellt waren, als unzumutbare soziale Zwangsjacke. Man stelle sich vor, eine Familie, die ein ihr angetanes Verbrechen mittels Blutrache sühnt – in Europa an der Schwelle des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Ein lächerliches Konzept. Ich fühlte mich wie ein gefangenes Tier. Es gab nur eine Lösung: Zurück auf’s Meer – ein halbes Leben ist darüber vergangen. Keine Ahnung, was aus der Frau, keine Ahnung, was aus ihren Töchtern geworden ist.

Die Barbierin griff nach dem entscheidenden Werkzeug, der rechteckigen Klinge aus geschliffenem Stahl, ihr Griff vermutlich aus Olivenholz. Sie strich damit über einen ledernen Riemen und jetzt hörte ich das kaum vernehmbare Schaben dazu, von dessen beruhigender Wirkung mir meine Mutter einst erzählte. Auf mich wirkte dieser Vorgang verstörend, machte er mir doch bewusst, mit welcher Schärfe sogleich eine Klinge über meine Wange fahren würde. Ich lenkte mich ab, indem ich ins Plaudern geriet, während das Schaben auf meiner Haut von den Wangen über die Oberlippe und das Kinn mit Leichtigkeit zum Hals voranschritt. Währenddessen beantwortete ich unverfängliche Fragen zu meinem Aufenthalt in der Stad, zu meiner norddeutschen Heimat, schließlich auch die zu meiner sizilianischen Vergangenheit. „Das Mädchen hieß Marcella. Irgendwie erinnern Sie mich an sie.“, gab ich unbedacht Auskunft, nun wieder in Gedanken an jene Zeit, die ja doch trotz allem eine besondere war und deren Ende immerhin den Anfang meiner ersten Überquerung des Atlantischen Ozeans markierte, nachdem Suez als Folge um den Kampf von brennenden Ölfeldern nicht mehr passierbar war. Ich spürte einen Blick auf mir ruhen, öffnete träge die Augen, und sah jenseits der Hügel- und Höhlenlandschaft Marcella und die Barbierin eins werden. Zu spät bemerkte ich, dass das Kratzen an meinem Hals verstummte. Der Winkel der scharfen Kante stieg; der Druck eines kräftigen Arms lag nun in ihr, auf meiner Kehle, und er lief in einer ruckartigen Bewegung nach der Seite aus.

FUITINA

Anfang einer Geschichte

ANFANG EINER GESCHICHTE ... Plock, plock, plock. Drei Bänke und zwei Tische aus der Wand geklappt, schon verwandelt sich der Gehweg vom Tage für die bald hereinbrechende Nacht in eine Allee aus Straßenbuden und Bars. Ein Platzregen, der auf Wellblechdächer prasselt. Ein Brett als Tresen. Vier verrostete Barhocker. Eine Bude wie jede andere entlang der Sukhumvit ...

Plock, plock, plock. Drei Bänke und zwei Tische aus der Wand geklappt, schon verwandelt sich der Gehweg vom Tage für die bald hereinbrechende Nacht in eine Allee aus Straßenbuden und Bars. Ein Platzregen, der auf Wellblechdächer prasselt. Ein Brett als Tresen. Vier verrostete Barhocker. Eine Bude wie jede andere entlang der Sukhumvit. Zusammen bilden sie das Unterholz. Nährboden für den Wald aus Glaspalästen, so hoch wie die quellenden Wolkentürme des bereits wieder abziehenden Gewitters. Als europäischer Mann kann man hier nicht für sich bleiben. Kann nicht für sich dem bunten Treiben auf der Straße zusehen, den hupenden Tuc Tucs, den umherirrenden Touristen, den Frauen in den dampfenden Straßenküchen, deren Aromen sich mit denen der Gasse zu etwas Undefinierbarem vermengen.

Das alles musste ich dem Copiloten nicht erzählen auf dem Rückflug von Bangkok. Er kannte es ja aus eigener Anschauung. Nach zwei Stunden Flug wechselten wir zu den Indern von Kolkata Control, erhielten eine Freigabe auf Flugfläche 340, ich drehte die neue Höhe am Autopiloten ein und beobachtete, wie der die Nase des Fliegers leicht anhob, und sich bei mäßiger Steigrate schwer tat, die geforderten zweitausend Fuß zu überwinden. Danach begannen wir, uns mit der Speisekarte aus der ersten Klasse auf die lange Nacht einzurichten.

Ich weiß nicht mehr, warum ich plötzlich anfing, dem jungen Kollegen vom Verlauf meines letzten Abends zu erzählen, an dem ich nach einem gemeinsamen Essen mit der Besatzung schließlich allein in dieser Straßenbude in Hotelnähe endete. Ich erzählte ihm von einem Mann, der sich zwei Hocker weiter niederließ. Ein Mann, der aussah wie der, der ich nach Ansicht meines Vaters hätte werden sollen. Typ Sparkassenfilialleiter. Das über seinem Bauch spannende karierte Hemd hätte jede Frau abschrecken müssen. Doch schon stand eine junge Thai vor ihm…

– – – – –

Ich kann das nicht. Ich will das nicht. Ich kann das nicht wollen, ja, ich will es noch nicht einmal können. Der, von dem ich nicht erzählen kann, wer ist er, wenn ich mich derart sträube, ja gegen jeden guten Rat mich geradezu weigere, ihn in meine Geschichten hereinzulassen, als Protagonist, als Erzähler, selbst als Zuhörer?

Er gäbe durchaus einen tollen Typ ab. Ein Flugkapitän, ein Mann mit Uniform und Mütze. Auf letzteres stehen die Frauen, das andere beneiden die Männer. Die meisten seiner Kollegen haben unzählige solcher Fotos von sich und zeigen sie gerne herum, ob man sie bittet oder nicht. Von ihm gibt es kein einziges Foto in Uniform. Nichtfliegern erzählt er selten ungebeten von seiner Arbeit, seinem Leben über den Wolken, von den Metropolen und anderen seltsamen Orten der Welt, an die es ihn regelmäßig verschlägt. Und wenn er davon erzählt, dann ist es oft die gleiche alte Geschichte darüber, dass es der Zufall war, der ihn in die Kanzel eines Flugzeugs führte. Er selbst habe ursprünglich vorgehabt, etwas Bodenständiges zu studieren, bestand dann aber die Aufnahmeprüfung für die Flugschule als Einziger von zwanzig. Eine neue Welt schien ihm plötzlich zu Füßen zu liegen. Das musste er machen!

Zu Hause wurde sein Erfolg gefeiert. Im Tennisverein standen Freunde und Bekannte, sogar erbitterte Tennisgegner, Schlange, um ihn zu drücken, ihn zu umarmen, ihm für seine aussichtsreiche Zukunft alles Gute zu wünschen.

Sein Vater stand unbeteiligt an eine Säule des Clubhausvordaches gelehnt, verschränkte die Arme und sah in eine Ferne, in der es nichts zu sehen gab. Er, sein Ältester, hätte doch Arzt werden sollen; Sparkassendirektor, oder wenigstens Ingenieur.

Wofür hatte der Sohn mit Fluglizenz dann doch noch studiert und den Magister gemacht? Wofür hatte er siebzehn Jahre lang in verschiedenen Bereichen eines Konzerns Prozesse und Menschen angeleitet und geführt, zuletzt in direkter Linie zum Vorstand?

Wofür hatte er Familie gegründet und Kinder in die Welt gesetzt?

Wofür spielte er passabel Klavier? Wofür schipperte er in einem kleinen Boot mit seiner Frau über die Weltmeere?

Wofür versuchte er sich jetzt im Handwerk des Schreibens, wenn am Ende doch nur alle wissen wollten, was der Pilot im Schneesturm über New York erlebte? – Ich komme mit diesen Mann nicht zurecht!

Als ich gestern Abend in der Dämmerung nach Hause ging, legte ich eine kurze Rast an einem Brünnlein unter einem Marienbild ein, über dem ein üppiger Strauch roter Rosen blüht. Ein Ort, an dem vor mir schon viele andere saßen. Ein Ort, an dem man nicht anders sitzen kann als wie gemalt.

Dort blickte ich zu Boden und sah das Bild meines Vaters. Ein Schwarz-Weiß-Porträt aus der Zeit seiner besten Jahre. Es stand neben einem mit Blumen geschmückten Sarg in der bis auf den letzten Platz belegten barocken Dorfkirche, in der meine Eltern geheiratet hatten, ich der ich getauft worden war, in der ich als Ministrant vergeblich versucht hatte, Gott näher zu kommen. Der Sparkassenpräsident, Freund und Mentor meines Vaters, hielt die Rede, die ihrem Höhepunkt zustrebte, als er sein Manuskript beiseite legte, und uns, der Familie in der ersten Reihe, eröffnete, dass er in seinem verstorbenen Freund und Wegbegleiter sich selbst wiedererkenne, stolz auf seine Söhne. Gesagt habe er es ihnen freilich nie. Der mächtige Mann stockte. Ich sah seine Lippen beben. Das Streichquartett setzte ein. Die wie von der Trauer selbst gestrichenen Klänge von Schuberts Schwanengesang drangen in mich ein und wohnen dort bis heute.

Was kann aus einem werden, der nicht der sein soll, der er ist?

REINHOLD PÖRTNER ... Ein Laufband ist ein seltsames Gerät. Die Menschen stellen sich darauf, um ihre Glieder in Bewegung zu bringen und dadurch die eigene Gesundheit zu befördern, ohne jemals vom Fleck zu kommen.
Ein Laufband ist ein seltsames Gerät. Die Menschen stellen sich darauf, um ihre Glieder in Bewegung zu bringen und dadurch die eigene Gesundheit zu befördern, ohne jemals vom Fleck zu kommen. Manche sehen das als Vorteil. Keine unerwarteten Steigungen, keine plagenden Mücken bei Hitze, keine irreführenden Weggabelungen, an denen man sich verlaufen könnte. So dachte auch Reinhold Pörtner, Senior Partner des Unternehmens Strategisches Investment Kapital SIC, mit C, wie er gern betonte, des angelsächsischen wegen, was sich globaler, weltoffener, ja schlicht erfolgreicher anhöre. Reinhold Pörtner begab sich seit nunmehr neun Jahren regelmäßig auf eines dieser Geräte, die weltweit in allen besseren Hotels zur Verfügung stehen; zweimal die Woche, um dadurch einen Ausgleich für jenen körperlichen Schwung zu schaffen, den seine Tätigkeit als Top Manager schmerzlich missen ließ.

Letzten Dienstag fühlte sich Reinhold Pörtner besonders gut in Form. Seine Geschäfte hatten ihn in jene Stadt geführt, in der einst der Protest gegen die eingeführte Teesteuer einen Unabhängigkeitskrieg auslöste. Am frühen Morgen, nach seiner inneren Uhr allerdings zur Mittagszeit, betrat er in Sportkleidung den Fitnessraum des Fünfsterne-Hotels, in dem er logierte, nahm sich ein bereitliegendes Handtuch und eine Flasche Wasser und stellte sich zwischen die beiden Handläufe eines Gerätes neuester Bauart. Ein großer Bildschirm mit Berührfunktion, vielfältige Darstellungs- und Kontrollmöglichkeiten, Konnektivitäts- und Vernetzungs-Schnickschnack, der Reinhold Pörtner zunächst irritierte. Doch nach erfolgreicher Bedienung einiger sensitiver Knöpfe setzte sich das Band unter ihm in Gang und er fand Gefallen an der Vielseitigkeit der Maschine. Die Trainingseinheit begann in gemächlichem Trab und würde sich wie gewohnt langsam steigern, bis er sein tägliches Pensum von dreißig Minuten bei einer mittleren Geschwindigkeit erreicht hätte. So empfohlen von seinem Arzt, den er pflichtbewußt jährlich aufsuchte.

Das Treten auf der Stelle ist nicht jedermanns Sache. Manche sehen in Laufbändern die perfektionierte Weiterentwicklung des Hamsterrades. Bewegung suggeriert Fortkommen, auch in einem Käfig. Zur Vermeidung solcher negativen Assoziationen ersannen die Erbauer jenen Schnickschnack, in den sie die Bedieneinheit des modernen Apparates integrierten. So wäre während des stupiden Laufens maximale Ablenkung und Unterhaltung möglich. Neben einem Internet-Anschluss standen auch einige berühmte Laufstrecken als Videosequenz zur Verfügung, die den sich Abmühenden die Zeit scheinbar verkürzte. Reinhold Pörtner wählte zunächst den Weg zum Franz-Josef-Gletscher in Neuseeland, entdeckte dann jedoch die Seite mit den Statistikfunktionen, und, das war das besondere daran, die Darstellung derselben in Linien und Kreisen, ganz wie in Pörtners Verkaufsprospekten. Geschwindigkeit zehn, Steigung null, Zeit pro Kilometer sechs, Kalorienverbrauch einhundertzwanzig. So weit so gut. Einer plötzlichen Eingebung folgend, kam der Sportler auf den Gedanken, dass sich das auch steigern ließe. Schon fünf Prozent brächten, auf die Distanz des Marathon gerechnet, zwölf Minuten. Er wählte Geschwindigkeit zehn Komma fünf und fühlte sich dadurch sogleich seinem Unternehmen heimelig nahe. Fünf Prozent war eine Zahl für Zaghafte und Omas mit Sparstrumpf. Er blieb nie im einstelligen Bereich. Leben ist Wachstum. Und mehr Wachstum bedeutet mehr Leben. Auf diese verblüffend einfache Wahrheit konnte er alle seine Kunden einschwören, und noch während er schmunzelnd daran dachte, drückte er das Knöpfchen so lange, bis dort elf stand. Unter drei Stunden fünfzig für den Marathon, überschlug er. Eine Strecke, die er noch nie absolviert hatte. Sicherheitshalber kontrollierte er seinen Puls mithilfe der eigens dafür installierten Handsensoren der Maschine. Er war von hundertfünfunddreißig auf hundertfünf-undfünfzig gestiegen. Geht doch.

Was einmal geht, geht auch zweimal, eine oft bewiesene Tatsache bei seinen Geschäften, und die erneute Steigerung um eine Einheit von elf auf zwölf sind streng genommen ja noch nicht mal mehr zehn Prozent, wohingegen das Ergebnis auf der klassischen Distanz bei nunmehr drei Stunden dreißig sich richtig sehen lassen könnte. Schon nach wenigen Minuten spürte Reinhold Pörtner ein Pochen an seinen Schläfen. Puls hundertsiebzig. Theoretisch zu viel, aber was bewies schon die Theorie? Die hatte ja auch noch keine Finanzkrise zuverlässig vorausgesagt. Zudem hatte sich der Schnürsenkel seines linken Schuhs gelöst. Ärgerlich. Er würde die Situation bereinigen wie 2008, als die Aktienkurse sich halbierten, als von Notprogrammen und Entlassungen die Rede war. Alles nicht mehr als das notwendige Übel einer längst fälligen Bereinigung, und danach, so lehrt die Erfahrung, ginge es nur umso steiler wieder bergauf. Etwas kürzer treten, sich sammeln, und dann, wenn der Konkurrenz bereits die Luft ausginge, mit neuer Kraft und Vollgas an allen vorbeiziehen. Reinhold Pörtner nahm seine Geschwindigkeit auf sechs zurück, stellte sich mit den Füßen links und rechts des Bandes auf die Brüstung der Maschine, schnürte beide Schuhe nach, trank einen Schluck Wasser, wischte sich mit dem Handtuch den Schweiß von der Stirn und stieg dann wieder ins Geschäft ein. So sehen Sieger aus. Schwitzen, ächzen, immer in Bewegung, das Ziel fest im Visier, unnachgiebig, stark. Zurück auf Geschwindigkeit zwölf.

Seit der kurzen Pause ist ihm flau im Magen, das ist nichts neues angesichts der acht- und neunstelligen Summen, die er täglich bewegt. Aber sein Ziel steht ihm nun klarer denn je vor Augen: Unter drei Stunden. Es ist machbar. Der Puls von hundertsiebzig kann ihm nichts anhaben. Er hat sich schon einmal über zwanzig Prozent gesteigert. Er ist fit wie kein anderer Achtundfünfzigjähriger. Und auch die Jungen haben es kaum besser drauf. Der Sieger stellt sich vierzehn Komma fünf ein. Er läuft und schwitzt und schwitzt und läuft und läuft und schwitzt. Dann verschwimmt der Bildschirm und es wird dunkel um ihn.

Als er wieder zu sich kommt, kann er sich kaum regen. Es fühlt sich an, als hätte er sich alle Knochen gebrochen. Der Schädel brummt. Eine Frau, die aussieht wie die alternde Ella Fitzgerald, hat sich über ihn gebeugt. Sie trägt einen weißen Kittel und hantiert an dem Bett herum, in dem er liegt. Als sie bemerkt, dass er zu sich kommt, spricht sie Pörtner Mut zu. Das wird schon wieder, honey.

Schade, denke ich, der alle gleich macht, wirklich schade. Dann halt beim nächsten Mal.

REINHOLD PÖRTNER

RANDY

RANDY – Ich wollte immer schon einmal nach New York. Freunde, Verwandte, Bekannte, so viele, die ich kenne, besuchten bereits diese Stadt und gerieten darüber ins Schwärmen, wenn sie nach ihrer Rückkehr davon erzählten.
Ich wollte immer schon einmal nach New York. Freunde, Verwandte, Bekannte, so viele, die ich kenne, besuchten bereits diese Stadt und gerieten darüber ins Schwärmen, wenn sie nach ihrer Rückkehr davon erzählten. Von den Wolkenkratzern, dem Treiben auf den rasterförmig angelegten ‚Avenues‘ und ‚Streets‘, den Superlativen der Konsumwelt, nun endlich habe ich einmal Gelegenheit, mir selbst einen Eindruck von jenen Bildern zu machen, die uns täglich als Werbetafeln, als Kulisse von Fernsehserien oder Postkarten an fast allen Orten der Welt begegnen. Vierundzwanzig Stunden habe ich Zeit.

Ein kalter Freitagmorgen im Winter. Eine leichte Schleierbewölkung kommt von Südwesten her auf. Für den kommenden Tag ist ein Schneesturm angekündigt. Ich ziehe ein Ticket und besteige die Bahn. Linie 5 Express. Nur wenige Zwischenstops bis Grand Central Station. Die Welt ist klein geworden. Advent in New York. Mir bleiben meist keine zwölf Stunden vor Ort. Das bringt der Job mit sich. Diesmal bin ich im Zimmer eines heruntergekommenen Hinterhofs in Brooklyn abgestiegen. Auf einer Sitzbank am JFK wäre es kaum weniger bequem gewesen. Die Matratze hängt durch wie eine Hängematte, der Weg zum Klo über den Flur liegt im Dunklen, die Bude ist kaum geheizt. Der alte Rippenradiator aus schwerem Gusseisen, mehr hoch als breit, liefert Handwärme, mehr nicht. Eingestanzt längs der äußersten Rippe: Randy Radiators Co., 1903. Das Geburtsjahr meines Urgroßvaters. Und ‚Randy‘ lässt sich nicht regulieren. Ein klobiger Absperrschieber mit großem Handrad über dem Rohr in Bodennähe; Auf – Zu. In der Frühe klopft es aus dem Inneren der Radiators; eine kleine Pfütze auf dem alten Würfelparkett.

In der Stadt begegnet man um diese Zeit kaum einem New Yorker. Asiaten, in Gruppen. Chinesen, Japaner, Koreaner. Ich höre Französisch, Russisch, Deutsch. Die Sprachen steigen in die Kuppel der Haupthalle auf und kehren von dort als wolkiges Gemurmel wieder. Ein touristischer – eher als ein Reise-Trubel. Ich schlendere in Richtung 5th Avenue. Die Kälte schlägt mir ins Gesicht, wie der ungeheure Lärm der Straße. Quietschen, Hupen und Brummen, Verkehrslärm, der sich an den hohen Mauern der Gebäude auftürmt, und hin und her geworfen über die Fußgänger hereinbricht wie eine Flutwelle. Ein Meer aus Krach, dem ich nicht entrinnen kann. Die Shoppingmeile ist Pflichtprogramm, das Kaufhaus ‚Saks‘ etwa, zwei ältere Damen bestaunen die neueste Mode der Jungen und Schönen am Schaufenster. Das Rockefeller Center mit der Aussichtsplattform Top of the Rock, Tiffany’s, das nun auch ein Café betreibt, ‚Breakfast at Tiffany’s‘ zum Leben geronnen, auf Wochen ausgebucht, sagt man, wegen der Unmengen an Hochzeitswilligen, die hier ihren Antrag zu platzieren gedenken. Gleich nebenan, der Turm des Präsidenten, seit Monaten schwer bewachter Touristenmagnet. ‚Dann doch gleich richtig‘, mag sich jener Passagier in Begleitung seiner Freundin gedacht haben, den ich gestern auf dem Flug hierher kennenlernte. Pünktlich um Elf Uhr dreiundzwanzig wolle er sich heute mit seiner Partnerin auf dem Times Square, dem Weltpalast der Werbung, einfinden, wo er die große Reuters-Anzeigetafel, auf der üblicherweise Börsenkurse tickern, für zehn Minuten gebucht habe. Hier werde er ihr seine Liebe erklären, ihr die Ehe antragen – ich hoffe, er weiß, was er tut. Skurril, was ich als Kurier mitunter erlebe. Im Grunde kann sich ein Student keinen interessanteren Nebenjob vorstellen.

Die Fußwege sind verstopfter noch als die Fahrbahn. Jedesmal, wenn ich angerempelt werde, taste ich die Taschen meiner Jacke ab. Ich komme mir vor wie in einem gigantischen Freizeitpark. Bis ein Schwarzer vor mir steht und um einen Vierteldollar bettelt. Schmutz und Hautfarbe in seinem Gesicht sind kaum zu unterscheiden. Das Weiß seiner Augen. Betreten wende ich mich ab, gehe zurück auf die 42nd Street und finde auf Höhe des Bryant Parks die erste Möglichkeit, dem Trubel zu entfliehen. Ein U-förmiges Geländer, dunkelgrün mit einer versteckten Neigung zu Blau rahmt eine schlichte Treppe nach unten ein, die jeder New Yorker auch ohne Schild als Eingang zur Metro erkennt. Ruhe kehrt ein, wenngleich um den Preis eines Jahrzehnte gereiften Gestanks.

Eine Szene vom Vortag geht mir nicht aus dem Sinn: Die Übergabe des Kuverts im Taxi. Ein junger Typ, Student vermutlich und ebenfalls Kurier, fing mich bei der Ankunft ab, rief ein Taxi herbei, setzte sich neben mich auf die Rückbank, quittierte wortlos den Empfang der Sendung und ließ sich an der nächsten Straßenkreuzung wieder absetzen. Manchmal wüsste ich gerne, was ich da so überbringe.

In einem alten U-Bahn-Waggon rumple ich in der Tiefe der Stadt nach Süden und tauche erst auf Höhe der 4th Street wieder auf. Ein eisiger Westwind pfeift durch die Häuserblocks. Ich schlendere den Washington Square Park entlang und bleibe an der Ecke Broadway stehen. In diesem Teil der Stadt sind die Häuser flacher als weiter nördlich. Historische Backsteinbauten, zumindest das, was die Amerikaner darunter verstehen, prägen das Bild. Mehr oder weniger verzierte Fronten, in denen sich kleine Fenster in Reih und Glied aneinanderreihen wie Kohorten römischer Legionen, unterbrochen entweder durch Kaskaden eiserner Feuerleitern oder im epochalen Stilbruch dazu errichteten Nachbargebäuden. Insgesamt ein völliges Fassaden-Durcheinander, das sich meinem Auge auf dem weiteren Weg nach Süden nur durch Wiederholung und mehrfache Betrachtung ordnet. Die Straßen in dieser Gegend sind von jungen Menschen bevölkert, womöglich Studenten der Jura-Fakultät, die ich auf der 4th Street gesehen habe. Sie tragen Sneakers ohne Socken, aber Wollmützen, sie hüllen sich in warme Anoraks und lutschen ausgelassen an großen Eistüten. Eine Dame in Turnschuhen und Pelz hantiert mit ihren Einkaufstüten. Das ist nicht mehr das Amerika, das Napoleons Außenminister Tocqueville beschrieben hat, ein ‚junges Volk von Händlern, beseelt vom Gedanken an die individuelle Freiheit‘. Die Statue mit empor gereckter Fackel, die ich später in der Ferne würde sehen können, wenn ich über die Brooklyn Bridge zurück in meine Absteige ginge, stand sie noch dafür?

Muffig-warmer Qualm steigt plötzlich um mich herum auf, jener Gestank, der manche Ecke dieser Stadt prägt. Der Boden unter mir vibriert. Auf dem Gitter eines U-Bahn-Schachts stehend schaue ich nach oben auf gelbe Ampeln, die im Wind an ihren Galgen über der Straßenkreuzung baumeln. Menschen in einem offenen Doppeldeckerbus fahren darunter hindurch. Mir ist kalt. Ein gelbes Taxi hupt. Der indische Fahrer mit Turban fuchtelt wild mit erhobenen Händen. Auf der Gegenspur fährt ein gelber Schulbus. Immer das gleiche knallige Gelb. Ein Gelb ähnlich dem der Rapsblüte oder Narzisse. Jenes aufdringliche Gelb, das in Deutschland als sattes Postgelb gilt. Verkehrsgelb. Alle anderen Farben verblassen hinter dieser. Ich bedauere, meine Kamera zu Hause zurückgelassen zu haben, für dieses Bild: New York, die Stadt der Gegensätze, festgehalten im größtmöglichen Kontrast von Schwarz und Weiß, hier auf dieser Straßenkreuzung, in der Ferne die Wolkenkratzer von South Manhattan. Und das Verkehrsgelb, Symbol der Fröhlichkeit, Kraft und Lebensfreude, auch Symbol des Strebens nach Freiheit. Die Ampel, das Taxi, der Bus.

Ein Mann mit Fotorucksack stellt nur wenige Meter weiter ein Stativ auf. Er greift vorsichtig, fast liebevoll nach seiner Kamera, schraubt sie auf den Drehteller des Dreibeins und richtet sie aus. An seinem Kamera-Koffer baumelt ein Anhänger, auf dem in fetten Lettern steht: H. TRAENKNER, PHOTOGRAPH, FRANKFURT, GERMANY. Meine Heimatstadt. Er spürt, dass ich ihn beobachte, nickt mir freundlich zu. Langsam gehe ich mit einem Lächeln auf den Lippen an ihm vorbei, im Begriff stehenzubleiben und ihn anzusprechen – ein New Yorker hätte das jetzt vielleicht getan und seiner Freude darüber Ausdruck verliehen, dass sich ein ausländischer Fotograf für eine Straßenkreuzung seiner Stadt interessiert –, doch dort, wo ich herkomme, spricht man keine fremden Leute auf der Straße an, und wer möchte denn schon bei der Arbeit gestört werden.

Südlich der Houston Street. Männer mit breitkrempigen schwarzen Hüten und Schläfenlocken tauchen auf. Eine Ecke weiter – Bratenduft aus den Fressbuden am Straßenrand, fett, verführerisch. Ich verspüre Hunger. Die Canal Street präsentiert sich koriander-nudelig, ein geschäftig asiatischer Marktplatz. Ich entscheide mich gegen den chinesischen Nudelimbiss für ein Pastrami- Sandwich aus einem Delikatessladen.

Zwielichtige Typen in Lederjacken mit hochgezogenen Kragen stellen sich wie zufällig neben mich und flüstern mir zu: ‚Rolex, Prada, Ray Ban. Come, come‘, ich mag das nicht. Einer von ihnen rotzt mir vor die Füße. Keine bessere Methode, mich endgültig zu vertreiben. Mir reicht’s! Ein zu Viel an Bildern, ein zu Viel an Geräuschen, ein zu Viel an Gerüchen, ein zu Viel an windiger Kälte. Meine Absteige wäre jetzt der einzige Ort, all das zu verarbeiten. Kein Spaziergang nach South Manhattan, kein Fußweg über die Brücke mehr; ich halte nach einem der grünen Geländer Ausschau und lasse mich erneut von der Unterwelt schlucken.

Zwanzig Minuten später spuckt mich die Metro wieder aus. Ich stehe vor Borough Hall, dem Verwaltungssitz des Bezirks Brooklyn, schräg gegenüber vom Bezirksgericht, ein klobiger Bau. Hier wurde zuletzt der spektakuläre Betrugsfall des jungen Pharmahändlers Martin Shkreli verhandelt, der mit durchtriebenen Spekulationen den Preis von lebensrettenden Medikamenten zu seinen Gunsten in schwindelerregende Höhen trieb. Mein Blick bleibt an einem kleinen bunten Laster mit einem festen Aufbau hängen. An seiner Bordsteinseite ist ein Schiebefenster eingelassen, aus dem heraus mich das Gesicht eines alten weißen Mannes mit Nickelbrille väterlich ansieht. Die Fronten des Vehikels sind mit übergroßen Symbolen einer Werbung in eigener Sache beklebt: Ein auf seinen Resonanzblock niedersausender Gerichtshammer vor der Waagschale von Justitia. Sie tendiert leicht zur rechten Seite hin. Die Mitte der Fläche ist reserviert für einen großen goldenen Lorbeerkranz, in dessen Zentrum die zentrale Botschaft des Wagens verkündet: JUSTICE-TRUCK. Gerechtigkeits-Laster, grob übersetzt. Hier also, in diesem kaum zwei auf drei Meter großen, fahrbaren Kasten, befindet sich die amerikanische Gerechtigkeit? Das Recht? Hier, in dieser kleinen Box, für jedermann auf der Straße greifbar, bei Bedarf und wo immer sie gerade parkt? ‚Kostenlose Rechts- & Steuerberatung‘ inklusive, so das Versprechen. Ich schmunzle. Das Fenster der Box öffnet sich. Der Mann ruft mir freundlich zu. ‚Hello, Sir, wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen helfen?‘ Ich schüttle den Kopf, bemühe mich, dabei ebenso freundlich zu wirken und gehe meines Weges.

‚Freiheit und Recht in den USA‘. Vielleicht ein Thema für das Referat, um das ich im nächsten Semester nicht herumkommen werde.

Den Eingang zur Seitengasse, in der meine Absteige liegt, finde ich nur durch das monumentale Graffiti an der Straßenecke wieder. Aggressive Formen in Blau, Weiß, Rot, ein wirres Fassaden-Tattoo. Das Einzige, was ich – den Kopf im Nacken – darauf erkennen kann, ist ein kantiges ‚AMERICA FIRST‘.

Auf dem Zimmer schiebe ich den Stuhl nah an den Heizkörper. Ein wenig Zeit habe ich noch. Ich öffne meinen Laptop, bevor ich wieder zum Flughafen muss, stöbere in der Suchmaschine nach den Begriffen ‚Freiheit‘, ‚Recht‘, ‚USA‘ und lande schließlich erneut bei Alexis de Tocqueville: „Die Nationen von heute vermögen an der Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen nichts mehr zu ändern; von ihnen aber hängt es nun ab, ob die Gleichheit sie zur Knechtschaft oder zur Freiheit führt, zu Bildung oder Barbarei, zu Wohlstand oder Elend.“

Knechtschaft, Barbarei, Freiheit, Bildung; wie nah die Dinge manchmal beieinander liegen. Ich stopfe meine Sachen in die Reisetasche und werfe ‚Randy Radiator‘ einen letzten Blick zu.

So long Kumpel, klopft ‚Randy‘ zurück.

ZUR NOT EIN BUTTERBROT ... Kaffee oder Tee, fragt der Bordsteward. Ich starre weiter aus dem Fenster, eine Heidelandschaft fliegt an mir vorbei...

 

Kaffee oder Tee, fragt der Bordsteward. Ich starre weiter aus dem Fenster, eine Heidelandschaft fliegt an mir vorbei. Ich bin zu faul, meine Augen auf einzelne Abschnitte daraus zu fixieren, um auch nur irgend etwas wahrzunehmen. Also fliegt die Landschaft an mir vorbei, ein einziger breiter Strom aus natürlichen Farben, der vor mir unscharf verschwimmt, strohgelb, herbstbraun, mausgrau.

Kaffee. Kaffee mit Milch. Ein Bitte kommt mir gerade noch so über die Lippen. Was muss der Mann von mir denken? Unrasiert, ungewaschen, Mundgeruch, schmutzig. Ich habe in der Eile gestern zwar noch nach einem Jackett gegriffen, muss damit aber irgendwo an einer schmutzigen Wand im Treppenhaus oder im Garten entlang gefegt sein.

Seit gestern Abend sitze ich nun schon im Zug. Im erstbesten Zug Richtung Norden. Das ist mein Ziel: Norden. Weit weg von allem, was im Süden liegt. Darüber hinaus weiß ich nicht wohin. Zweimal umsteigen, einige Stunden auf einer Sitzbank eines Bahnhofs und jetzt sogar mit dem Expresszug. ICE. Inter-City. Oder ICE- cold. Friere ich deshalb? Ich habe mir längst vorgenommen auszusteigen. Meine Fahrkarte ist seit dem letzten Halt nicht mehr gültig. Hannover. Aussteigen. Ich kann nicht aussteigen. Was soll ich in Hannover? Was soll ich irgendwo?

Ich hätte sie nicht heiraten sollen. Ich hätte sie nicht heiraten dürfen. Mein Vater hatte von Beginn an Vorbehalte. Vor allem gegenüber meiner Schwiegermutter. Aber ich heirate ja Gudrun und nicht deren Mutter, erwiderte ich damals. Ich habe Hunger. Ein Frühstück wäre jetzt schön. So wie früher; zu zweit; am Wochenende, gemütlich, mit einem frisch gepressten Orangensaft und einem gekochten Ei.

Haben sie auch etwas zu essen? Leider nein, sagt der Mann in dunkelblauer Uniform. Aber Sie sehen echt aus, als könnten Sie was vertragen. Ich nicke zustimmend. Schlechte Nacht gehabt, was? Er reicht mir einen Pappbecher und ein Döschen Kondensmilch. Ich schütte es in meinen Becher und nippe daran. Schales lauwarmes Gebräu.

Neun Jahre lang haben sie mich gequält, die Beiden. Mit dem Tag, an dem Gudrun das erste Mal schwanger war, änderte sich alles. Sie fing an, sich in eine Mutter-Kind-Welt einzurichten, in der für mich kein Platz mehr war. Außer als Ernährer, Hausmeister, Gartengehilfe oder Chauffeur, schließlich als nächtlicher Babysitter. Und, natürlich, als Besamer. Sie hat mich im Abstand von je einem Jahr dreimal benutzt, um sie zu besteigen, ja, dieses tierische Wort trifft es am besten, denn mehr als die Rolle eines dummen Gauls war mir dabei nicht zugedacht. Das Notwendige fand ausschließlich um das Datum ihrer Fruchtbarkeit herum statt. Nicht mehr, und nicht weniger. Die Bettdecke zwischen ihr und mir schützte sie vor unliebsamem Körperkontakt, und um mich nicht küssen zu müssen, hat sie ihr Gesicht ins Kissen vergraben und dabei schwer geatmet, angeblich vor Lust. Sex, echten lustvollen Sex, hatten wir auch vor der ersten Schwangerschaft selten – nein, eigentlich nie. Ich habe es nie dafür gehalten. Einsilbig, monoton, oberflächlich, kopflastig. Es war schon immer schlechter Sex gewesen. Darüber reden konnten wir nie. Man sagt Männern nach, dass sie nie reden. Sie sagt über mich, ich könne nicht reden. Aber ich wollte doch reden, schon immer. Sie hingegen wich mir meist aus, mit einem herablassenden Lachen, und drehte den Spieß herum. Mit Männern kann man nicht reden. Diese Mär hat sie auch in die Köpfe unserer Nachbarn und Freunde eingepflanzt. Wirksam, wie ich zu spät feststellte, denn mittlerweile halten mich viele für den, den meine Frau aus mir machen wollte. Doch der ist jetzt gegangen.

Als Vivienne, unsere Älteste ein Jahr alt wurde, verkündete Gudrun, dass ihre Mutter bei uns einziehen würde. Ich sagte, dass wir darüber sprechen müssen, dass wir es auch künftig gemeinsam alleine schaffen werden, mit Job, Haushalt und Kind, doch sie setzte dem ihr gehässiges Lachen entgegen. Wozu? Ich bin froh, dass meine Mutter am Samstag kommt und mir zukünftig hilft. Wir werden sie ins Arbeitszimmer einquartieren. Du kannst in Zukunft auch am Esszimmertisch arbeiten.

Als ich mich weigerte, brach ein Sturm der Entrüstung über mich herein. Sie beschimpfte mich lauthals, ihre Stimme überschlug sich. Wie kann man eine solche Situation beruhigen? Ich müsste sie förmlich überschreien, oder, wahrscheinlich, sie durch eine Ohrfeige zur Besinnung bringen. Das typische Drehbuch unsere Konflikte: Sie legt etwas fest, ich habe dazu Gesprächsbedarf, sie beraubt uns der Möglichkeit einer angemessenen Lösung durch sofortig übersteigertes Gezeter, ich mahne zur Besonnenheit, sie zetert weiter, ich erhebe meine Stimme, sie schreit. Ich müsste es ihr gleichtun, müsste sie mit Gebrüll übertrumpfen, müsste ihr eine scheuern – und gebe deshalb auf. Ich hasse mich dafür. Hasse mich für meine Gedanken und dafür, was sie aus mir gemacht hat. Aber da sind noch die Kinder, meine drei Töchter, Vivienne, Sandrine und Annabell. Ich wollte ihnen immer ein guter Vater sein. Ich habe jahrelang nachgegeben, um ihnen ein guter Vater sein zu können, denn ein getrennter Vater ist kein guter Vater. Gudrun weiß, dass ich so denke.

Der Steward kommt erneut an meiner Reihe vorbei. Haben Sie wirklich nichts zu essen dabei? Zur Not auch gern ein Butterbrot. Wie komme ich bloß darauf? Woher sollte er ein Butterbrot haben? Eine absurde Idee. So absurd wie die Situation, in der ich mich befinde.

Meine Schwiegermutter ist die Person, die meine Frau erzogen hat. Sie ist auch die Person, die ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht, heute noch. Gudrun ist siebenunddreißig. Den Männern muss man Einhalt gebieten, mein Kind. Ein vielfach von der Alten wiederholter Satz, dessen tiefe Bedeutung sich mir bis heute nicht erschließt. Ich hätte damals genauer hinsehen, hätte fragen sollen, warum ihr Vater vor zwölf Jahren seine Familie verlassen hat. Ich habe ihn leider niemals kennengelernt. Gudrun hat sich geweigert, ihn zu unserer Hochzeit einzuladen. Sie könne das ihrer Mutter nicht antun. Ich glaube manchmal, ich bin zu gutmütig.

Gudrun verbringt mit den Kindern ein paar Tage auf Mallorca. Wir haben für solche Kurzreisen kein Geld, aber sie hat kurzerhand entschieden, dafür unsere Urlaubskasse in Anspruch zu nehmen. Schließlich könne ich zu Hause genauso gut entspannen, wie auf einer Reise, während ihr das Reizklima im Allgäu kräftig aufs Gemüt schlage.

Entspannung an der Seite meiner Schwiegermutter? Mit der Alten ist nur schwer auszukommen; sie hält sich im Haushalt an keine Absprachen, Sie schränkt meinen Lebensraum ein, indem sie allem Anderen ihren eigenen Ordnungswillen aufzwingt. Ich fühle mich inzwischen auf die Zone rund um den Esstisch zurückgedrängt. Nicht einmal meine Intimsphäre respektiert sie. Sie kommt ins Bad, während ich dusche und sieht angewidert weg. Sie piesackt mich, wo immer sie kann, sie raubt mir die Luft zum Atmen. Sogar sprichwörtlich, denn ich kann mir sicher sein, dass sie ein Fenster schließt, das ich zuvor zum Lüften öffnete.

Ich habe die letzten drei Tage versucht, der Alten aus dem Weg zu gehen. Doch sie schaut mir selbst dann noch über die Schulter, wenn ich abends am Esstisch mit meinem Laptop an einer Präsentation arbeite oder eine Online-Überweisung mache. Sie traut mir nicht. Nicht, weil insbesondere mir nicht zu trauen wäre, sondern weil sie allen Männern misstraut. Ob es nicht seltsam sei, dass nicht größere Mittel für ihre Tochter und die Mädchen zur Verfügung stünden, da ich doch als Controller in einem großen Unternehmen gutes Geld verdiene!

Ich gebe zu, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich sollte mich von Gudrun trennen. Es gibt gar keine andere Möglichkeit mehr. Sie muss aus meinem Leben verschwinden, oder wenigstens ihre Mutter. Es wird sich ein Weg finden, Kontakt zu meinen Töchtern zu halten.

Das Butterbrot. Eine Scheibe Vollkorn, dick bestrichen mit salziger Landbutter, darauf etwas Schnittlauch, köstlich. Früher hat mich meine Mutter oft damit verwöhnt. Iss ein Butterbrot mein Junge, dann fühlst Du Dich gleich besser, sagte sie. So bekämpfte sie meine Nervosität vor einem wichtigen Fußballspiel, so linderte sie den Schmerz nach der Trennung von meiner ersten Freundin oder löste das Bangen vor der entscheidenden Mathearbeit, mit der ich mir die Versetzung in die Zehn hätte versauen können. Meine Mutter war eine beeindruckende Frau.

Gestern brütete ich am frühen Abend an meinem Rechner über einem Budgetproblem meines Arbeitgebers, als mir plötzlich ein beißender Geruch in die Nase stieg. Ich vermutete zunächst, die Alte habe sich in der Küche verbrutzelt, doch döste sie vor dem Vorabendprogramm des Fernsehers in ihrem Zimmer dahin, dröges altes Leben. Entwickeln sich Brände in Häusern nicht langsam? Noch so ein Irrtum. Binnen weniger Sekunden drang Rauch in die Wohnung. Ich kann nicht sagen, von wo er sich ausbreitete, nehme aber an, dass das Unglück in der Küche von Familie Mendel, die das Appartement unter uns bewohnt, ihren Ausgang nahm. Als ich das Haus durch die Hintertür verließ und nach oben sah, schlugen bereits mächtige Flammen aus deren Küchenfenster und fraßen sich nach oben ins Dachgeschoss des Gebäudes. Ein hölzerner Dachstuhl nährt eine entstehende Feuersbrunst ganz ausgezeichnet. Nicht nur unsere Küche, sondern auch das Esszimmer, in dem ich noch vor kurzem gesessen hatte, stand bereits in Flammen. Die angrenzende Diele und das ehemalige Arbeitszimmer qualmten unheilvoll. Ich ging auf die andere Straßenseite und mischte mich unerkannt unter ein paar Schaulustige, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten.

Wenn die Schwiegermutter es noch schaffen wollte, müsste sie bald die Treppe herunterkommen, oder wenigstens am Fenster um Hilfe rufen. Gleichmäßig arbeitete sich die Feuersbrunst wie eine Walze voran. Die inzwischen eingetroffene Feuerwehr richtete ihren Wasserstrahl dorthin, wo sie den Ursprung des Brandherds vermutete. Währenddessen führte die Glut, sicher begünstigt durch die leichte Brise aus Südwest, ihren Krieg weiter erfolgreich gen Osten. Das Zimmer der Alten, mein Bücherregal, das sie um mehr als die Hälfte achtlos dezimiert hatte, den Brockhaus, meine geliebten US-Romane von Irving, Auster und Roth, sie wären jetzt ohnehin verloren. Alles war verloren. Die Alte war nirgends zu sehen. Sie würde es nicht mehr schaffen, wenn sie nicht längst durch die rettende Tür, die ich fest im Auge behielt, heraus wäre. Währenddessen brutzelte ihre Tochter in der mallorquinischen Sonne auf ganz andere Art; eine tragische Parallele. Ich ertrug es nicht, ging geradewegs zum Bahnhof, zog am Automat ein Ticket für den nächsten Zug nach Norden. Ob die Alte sich doch noch hatte in Sicherheit bringen können? Aber wie sollte sie. Ich hatte beim Verlassen alle Schlüssel zur Wohnungstür an mich genommen und diese von außen verriegelt, wie ich es immer tue, wenn ich das Haus ordentlich verlasse. Ich würde mich jetzt sehr über ein ordentliches Frühstück freuen. Zur Not auch ein Butterbrot.

 

Zur Not ein Butterbrot

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