Kurzgeschichten

von Klaus Maria Fischer

ZUR NOT EIN BUTTERBROT ... Kaffee oder Tee, fragt der Bordsteward. Ich starre weiter aus dem Fenster, eine Heidelandschaft fliegt an mir vorbei...

 

Kaffee oder Tee, fragt der Bordsteward. Ich starre weiter aus dem Fenster, eine Heidelandschaft fliegt an mir vorbei. Ich bin zu faul, meine Augen auf einzelne Abschnitte daraus zu fixieren, um auch nur irgend etwas wahrzunehmen. Also fliegt die Landschaft an mir vorbei, ein einziger breiter Strom aus natürlichen Farben, der vor mir unscharf verschwimmt, strohgelb, herbstbraun, mausgrau.

Kaffee. Kaffee mit Milch. Ein Bitte kommt mir gerade noch so über die Lippen. Was muss der Mann von mir denken? Unrasiert, ungewaschen, Mundgeruch, schmutzig. Ich habe in der Eile gestern zwar noch nach einem Jackett gegriffen, muss damit aber irgendwo an einer schmutzigen Wand im Treppenhaus oder im Garten entlang gefegt sein.

Seit gestern Abend sitze ich nun schon im Zug. Im erstbesten Zug Richtung Norden. Das ist mein Ziel: Norden. Weit weg von allem, was im Süden liegt. Darüber hinaus weiß ich nicht wohin. Zweimal umsteigen, einige Stunden auf einer Sitzbank eines Bahnhofs und jetzt sogar mit dem Expresszug. ICE. Inter-City. Oder ICE- cold. Friere ich deshalb? Ich habe mir längst vorgenommen auszusteigen. Meine Fahrkarte ist seit dem letzten Halt nicht mehr gültig. Hannover. Aussteigen. Ich kann nicht aussteigen. Was soll ich in Hannover? Was soll ich irgendwo?

Ich hätte sie nicht heiraten sollen. Ich hätte sie nicht heiraten dürfen. Mein Vater hatte von Beginn an Vorbehalte. Vor allem gegenüber meiner Schwiegermutter. Aber ich heirate ja Gudrun und nicht deren Mutter, erwiderte ich damals. Ich habe Hunger. Ein Frühstück wäre jetzt schön. So wie früher; zu zweit; am Wochenende, gemütlich, mit einem frisch gepressten Orangensaft und einem gekochten Ei.

Haben sie auch etwas zu essen? Leider nein, sagt der Mann in dunkelblauer Uniform. Aber Sie sehen echt aus, als könnten Sie was vertragen. Ich nicke zustimmend. Schlechte Nacht gehabt, was? Er reicht mir einen Pappbecher und ein Döschen Kondensmilch. Ich schütte es in meinen Becher und nippe daran. Schales lauwarmes Gebräu.

Neun Jahre lang haben sie mich gequält, die Beiden. Mit dem Tag, an dem Gudrun das erste Mal schwanger war, änderte sich alles. Sie fing an, sich in eine Mutter-Kind-Welt einzurichten, in der für mich kein Platz mehr war. Außer als Ernährer, Hausmeister, Gartengehilfe oder Chauffeur, schließlich als nächtlicher Babysitter. Und, natürlich, als Besamer. Sie hat mich im Abstand von je einem Jahr dreimal benutzt, um sie zu besteigen, ja, dieses tierische Wort trifft es am besten, denn mehr als die Rolle eines dummen Gauls war mir dabei nicht zugedacht. Das Notwendige fand ausschließlich um das Datum ihrer Fruchtbarkeit herum statt. Nicht mehr, und nicht weniger. Die Bettdecke zwischen ihr und mir schützte sie vor unliebsamem Körperkontakt, und um mich nicht küssen zu müssen, hat sie ihr Gesicht ins Kissen vergraben und dabei schwer geatmet, angeblich vor Lust. Sex, echten lustvollen Sex, hatten wir auch vor der ersten Schwangerschaft selten – nein, eigentlich nie. Ich habe es nie dafür gehalten. Einsilbig, monoton, oberflächlich, kopflastig. Es war schon immer schlechter Sex gewesen. Darüber reden konnten wir nie. Man sagt Männern nach, dass sie nie reden. Sie sagt über mich, ich könne nicht reden. Aber ich wollte doch reden, schon immer. Sie hingegen wich mir meist aus, mit einem herablassenden Lachen, und drehte den Spieß herum. Mit Männern kann man nicht reden. Diese Mär hat sie auch in die Köpfe unserer Nachbarn und Freunde eingepflanzt. Wirksam, wie ich zu spät feststellte, denn mittlerweile halten mich viele für den, den meine Frau aus mir machen wollte. Doch der ist jetzt gegangen.

Als Vivienne, unsere Älteste ein Jahr alt wurde, verkündete Gudrun, dass ihre Mutter bei uns einziehen würde. Ich sagte, dass wir darüber sprechen müssen, dass wir es auch künftig gemeinsam alleine schaffen werden, mit Job, Haushalt und Kind, doch sie setzte dem ihr gehässiges Lachen entgegen. Wozu? Ich bin froh, dass meine Mutter am Samstag kommt und mir zukünftig hilft. Wir werden sie ins Arbeitszimmer einquartieren. Du kannst in Zukunft auch am Esszimmertisch arbeiten.

Als ich mich weigerte, brach ein Sturm der Entrüstung über mich herein. Sie beschimpfte mich lauthals, ihre Stimme überschlug sich. Wie kann man eine solche Situation beruhigen? Ich müsste sie förmlich überschreien, oder, wahrscheinlich, sie durch eine Ohrfeige zur Besinnung bringen. Das typische Drehbuch unsere Konflikte: Sie legt etwas fest, ich habe dazu Gesprächsbedarf, sie beraubt uns der Möglichkeit einer angemessenen Lösung durch sofortig übersteigertes Gezeter, ich mahne zur Besonnenheit, sie zetert weiter, ich erhebe meine Stimme, sie schreit. Ich müsste es ihr gleichtun, müsste sie mit Gebrüll übertrumpfen, müsste ihr eine scheuern – und gebe deshalb auf. Ich hasse mich dafür. Hasse mich für meine Gedanken und dafür, was sie aus mir gemacht hat. Aber da sind noch die Kinder, meine drei Töchter, Vivienne, Sandrine und Annabell. Ich wollte ihnen immer ein guter Vater sein. Ich habe jahrelang nachgegeben, um ihnen ein guter Vater sein zu können, denn ein getrennter Vater ist kein guter Vater. Gudrun weiß, dass ich so denke.

Der Steward kommt erneut an meiner Reihe vorbei. Haben Sie wirklich nichts zu essen dabei? Zur Not auch gern ein Butterbrot. Wie komme ich bloß darauf? Woher sollte er ein Butterbrot haben? Eine absurde Idee. So absurd wie die Situation, in der ich mich befinde.

Meine Schwiegermutter ist die Person, die meine Frau erzogen hat. Sie ist auch die Person, die ihr stets mit Rat und Tat zur Seite steht, heute noch. Gudrun ist siebenunddreißig. Den Männern muss man Einhalt gebieten, mein Kind. Ein vielfach von der Alten wiederholter Satz, dessen tiefe Bedeutung sich mir bis heute nicht erschließt. Ich hätte damals genauer hinsehen, hätte fragen sollen, warum ihr Vater vor zwölf Jahren seine Familie verlassen hat. Ich habe ihn leider niemals kennengelernt. Gudrun hat sich geweigert, ihn zu unserer Hochzeit einzuladen. Sie könne das ihrer Mutter nicht antun. Ich glaube manchmal, ich bin zu gutmütig.

Gudrun verbringt mit den Kindern ein paar Tage auf Mallorca. Wir haben für solche Kurzreisen kein Geld, aber sie hat kurzerhand entschieden, dafür unsere Urlaubskasse in Anspruch zu nehmen. Schließlich könne ich zu Hause genauso gut entspannen, wie auf einer Reise, während ihr das Reizklima im Allgäu kräftig aufs Gemüt schlage.

Entspannung an der Seite meiner Schwiegermutter? Mit der Alten ist nur schwer auszukommen; sie hält sich im Haushalt an keine Absprachen, Sie schränkt meinen Lebensraum ein, indem sie allem Anderen ihren eigenen Ordnungswillen aufzwingt. Ich fühle mich inzwischen auf die Zone rund um den Esstisch zurückgedrängt. Nicht einmal meine Intimsphäre respektiert sie. Sie kommt ins Bad, während ich dusche und sieht angewidert weg. Sie piesackt mich, wo immer sie kann, sie raubt mir die Luft zum Atmen. Sogar sprichwörtlich, denn ich kann mir sicher sein, dass sie ein Fenster schließt, das ich zuvor zum Lüften öffnete.

Ich habe die letzten drei Tage versucht, der Alten aus dem Weg zu gehen. Doch sie schaut mir selbst dann noch über die Schulter, wenn ich abends am Esstisch mit meinem Laptop an einer Präsentation arbeite oder eine Online-Überweisung mache. Sie traut mir nicht. Nicht, weil insbesondere mir nicht zu trauen wäre, sondern weil sie allen Männern misstraut. Ob es nicht seltsam sei, dass nicht größere Mittel für ihre Tochter und die Mädchen zur Verfügung stünden, da ich doch als Controller in einem großen Unternehmen gutes Geld verdiene!

Ich gebe zu, ich bin am Ende meiner Kräfte. Ich sollte mich von Gudrun trennen. Es gibt gar keine andere Möglichkeit mehr. Sie muss aus meinem Leben verschwinden, oder wenigstens ihre Mutter. Es wird sich ein Weg finden, Kontakt zu meinen Töchtern zu halten.

Gestern brütete ich am frühen Abend an meinem Rechner über einem Budgetproblem meines Arbeitgebers, als mir plötzlich ein beißender Geruch in die Nase stieg. Ich vermutete zunächst, die Alte habe sich in der Küche verbrutzelt, doch döste sie vor dem Vorabendprogramm des Fernsehers in ihrem Zimmer dahin, dröges altes Leben. Entwickeln sich Brände in Häusern nicht langsam? Noch so ein Irrtum. Binnen weniger Sekunden drang Rauch in die Wohnung. Ich kann nicht sagen, von wo er sich ausbreitete, nehme aber an, dass das Unglück in der Küche von Familie Mendel, die das Appartement unter uns bewohnt, ihren Ausgang nahm. Als ich das Haus durch die Hintertür verließ und nach oben sah, schlugen bereits mächtige Flammen aus deren Küchenfenster und fraßen sich nach oben ins Dachgeschoss des Gebäudes. Ein hölzerner Dachstuhl nährt eine entstehende Feuersbrunst ganz ausgezeichnet. Nicht nur unsere Küche, sondern auch das Esszimmer, in dem ich noch vor kurzem gesessen hatte, stand bereits in Flammen. Die angrenzende Diele und das ehemalige Arbeitszimmer qualmten unheilvoll. Ich ging auf die andere Straßenseite und mischte mich unerkannt unter ein paar Schaulustige, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten.

Wenn die Schwiegermutter es noch schaffen wollte, müsste sie bald die Treppe herunterkommen, oder wenigstens am Fenster um Hilfe rufen. Gleichmäßig arbeitete sich die Feuersbrunst wie eine Walze voran. Die inzwischen eingetroffene Feuerwehr richtete ihren Wasserstrahl dorthin, wo sie den Ursprung des Brandherds vermutete. Währenddessen führte die Glut, sicher begünstigt durch die leichte Brise aus Südwest, ihren Krieg weiter erfolgreich gen Osten. Das Zimmer der Alten, mein Bücherregal, das sie um mehr als die Hälfte achtlos dezimiert hatte, den Brockhaus, meine geliebten US-Romane von Irving, Auster und Roth, sie wären jetzt ohnehin verloren. Alles war verloren. Die Alte war nirgends zu sehen. Sie würde es nicht mehr schaffen, wenn sie nicht längst durch die rettende Tür, die ich fest im Auge behielt, heraus wäre. Währenddessen brutzelte ihre Tochter in der mallorquinischen Sonne auf ganz andere Art; eine tragische Parallele. Ich ertrug es nicht, ging geradewegs zum Bahnhof, zog am Automat ein Ticket für den nächsten Zug nach Norden. Ob die Alte sich doch noch hatte in Sicherheit bringen können? Aber wie sollte sie. Ich hatte beim Verlassen alle Schlüssel zur Wohnungstür an mich genommen und diese von außen verriegelt, wie ich es immer tue, wenn ich das Haus ordentlich verlasse. Ich würde mich jetzt sehr über ein ordentliches Frühstück freuen. Zur Not auch ein Butterbrot.

 

Zur Not ein Butterbrot

Ein Traum

EIN TRAUM ... Holldrio – Das riesen Rad dreht sich gen Himmel, schwindelig kreiselt uns das Kettenkarussell, bunte Buden verströmen süßen Zuckerwatteduft. ...

Es ist Dorffest und wir mittendrin. Ich habe das lange nicht gemacht und meine Frau wollte erst gar nicht. „Hans, sind wir dafür nicht zu alt? Alberne Kindereien.“

Vielleicht sind wir tatsächlich zu alt dafür; ich kann mir selbst kaum erklären, warum ich das heute will. Schießbudenzauber, Losglück, ‚Mit zwei Euro sind Sie dabei…‘

Zwei Euro. In harten Verhandlungen habe ich diese Woche erfolgreich zwei Millionen gemacht. Das will ich feiern. Ein Los, ein Glück – fünf Los, fünf Glück. Geld spielt keine Rolle. Lotte darf wählen, und siehe da, ein großer rosa Teddybär – Hauptgewinn! Ich bin

Hans im Glück. Mit dem Plüschtier auf dem Rücken gehen wir ins Festzelt. Jetzt ein starkes Bier mit Haxe, und für Lotte eine Currywurst. Wie sie freudig strahlt. Schöner denn je, und das nach achtzehn gemeinsamen Jahren. Sieh an, dahinten, ist das nicht Linchen, unsere Tochter Pauline? Sie ist umringt von Freunden, die ich nicht kenne. Ich rufe und winke, doch sie sieht mich nicht. Ich muss ihr unseren Gewinn zeigen, stehe mit dem Bären auf und gehe für ein kurzes ‚Hallo‘ an ihren Tisch, wo Köpfe verschwörerisch zusammen stecken.

„Hallo Pauline…“ es öffnet sich der exklusive Kreis und gibt den Blick frei auf ein erschrecktes Mädchen. Sie hat eine Spritze im Arm und irgend ein Kerl drückt gerade ab…

Ich will sie noch einmal rufen und schlage die Augen auf. Klein ist mein Dachfenster und ich blicke auf einen nasskalten Eifelmorgen. Man kann sich seine Träume nicht aussuchen.

EIFERSUCHT ... Sie setzte sich an die Theke auf einen der freien Barhocker und bestellte einen Gin Tonic. Etwas Besonderes, eine Empfehlung des Barkeepers. Florale Aromen aus Weinblüten, gefolgt von Wacholder, Kardamon und Ingwer, französisch, wie die Liebe. ...

Das Mixen eines Drinks als Zeremonie, dekoriert und verfeinert mit einer kandierten Orangenscheibe, so fein filetiert und serviert mit theatralischer Geste. „Le vrai amour, ein besonderer Drink für eine besondere Frau.“ Vielversprechender Anfang eines besonderen Abends. Sie nickte und lächelte ihm freundlich zu. Der Barmann verstand sein Geschäft. Sein Tresen war etwa zur Hälfte besetzt. Außer einem Pärchen, das sich nicht miteinander unterhielt, nur Männer. Das weiche Licht im Hintergrund tauchte alles in eine warme Atmosphäre. Nach und nach füllten sich die lose um den hufeisenförmigen Tresen platzierten Tischchen mit Publikum. Sinnlich melancholischer Soul erfüllte den Raum. Das junge hübsche Ding am Flügel eine Mischung aus Norah Jones und Diana Krall. Halb zwölf, eine gute Zeit. Eine echte Pianobar, Es war lange her, dass sie allein in einer Bar einen Drink bestellt hatte. In ihrer Erinnerung der beste Platz, sich von einem Mann ansprechen zu lassen. Genau der richtige Ort, für das, was sie vorhatte. Leicht nervös öffnete sie ihre Handtasche und kramte nach ihrem Smartphone. Doch als sie es in der Hand hielt, besann sie sich eines Besseren und steckte es schnell wieder zurück. Handies würgen Kommunikation ab, Handies sind abtörnend. Sie griff nach ihrem Drink. Ein Fussel auf dem Kleid, weg damit. Sonst alles perfekt. Das Kleid sitzt eng, die leicht zu speckige Hüfte geschickt verdeckt. Die hohen Pumps noch ohne Probleme. Mein Dekolleté top. Falls die Absätze nicht wirken, der dralle Ausschnitt auf jeden Fall. Hoffentlich nicht zu nuttig; anziehend- sexy ja, aber nicht porno- billig, eine Gratwanderung.

Was John wohl gerade machte? Nicht umdrehen.

An der gegenüber liegenden Seite des Tresens lehnte ein Mann, der sie beobachtete. Ende zwanzig, nach hinten gegeltes Haar, Businessanzug. Typ Jungbanker.

Der ist noch grün hinter den Ohren, was will ich mit so einem? Nicht umdrehen jetzt!

Grün hinter den Ohren. Ich sehe ihn an, fixiere ihn und er schaut verlegen weg, wie ertappt, ein Waschlappen? Wenn du zum Flirten hier bist, wird das so nichts, Jungchen. Aber immerhin, steht wohl auf reifere Frauen, wenn er mich so anglotzt.

Sie ließ den Blick durch den Raum schweifen, drehte den Kopf dabei aber kaum merklich.

Die meisten Männer trugen Anzüge. Kein Wunder in der Nähe des Bankenviertels an einem Donnerstag Abend. Wahrscheinlich kommen sie gerade erst aus den Büros in ihren Glastürmen, ein Drink nach einem späten Feierabend. Auch noch Muße für einen Flirt? Nicht zu weit umdrehen. John soll denken, soll spüren, dass er Luft für mich ist. Ich verlange von ihm, dass er Luft für mich ist!

Schräg gegenüber von ihr standen drei Typen mit einem Bier in der Hand, ins Gespräch vertieft. Der linke sah ganz passabel aus. Mitte dreißig, groß, aufrecht, Dreitagebart. Ein smartes Lächeln, der ginge. Norah-Diana spielte ‚the look of love‚. Die CD lag zu Hause irgendwo im Schrank. Schöner Mann, aber ich bin nicht auf der Suche nach Liebe, will nur einen für heute Abend, ein Flirt, auch mehr, vielleicht Sex, wer weiß, wie weit ich gehen würde. Das hängt auch ein bisschen von ihm ab. Nein, es hängt allein von mir ab! Und wenn ich es will, tue ich es. Ganz gleich, was ich mit John abgesprochen habe. Daran wird er sich gewöhnen müssen, der Arme. Die Jungs sind zu dritt unterwegs. Das wird zu kompliziert. Ich lasse mich auch nicht anbaggern, bin kein Opfer, bin Täterin.

Der Jungbanker gegenüber stellte sein leeres Bier beiseite und bekam vom Barkeeper einen Gin Tonic hingestellt. Den gleichen, den sie trank, mit Orangenscheibe. Wie albern. Das amüsierte sie. Er sah wieder zu ihr herrüber. Sollte das eine Botschaft sein? Sieht er mir in die Augen oder auf die Brüste? Komm bloß nicht auf die Idee mich anzubaggern Kleiner. Obwohl, eigentlich ist er ja ganz süß. Der macht bestimmt, was ich will. Und ich kann ihn kriegen, leicht, schnell. Zu viel Zeit habe ich ohnehin nicht. Und es muss von Anfang an funktionieren, damit John spürt, dass ich es ernst meine.

Ihre Blicke kreuzten sich, eher zufällig, als der Barmann, der gerade zwischen ihnen gestanden hatte, beiseite trat. Der Junge machte den Eindruck, als fühlte er sich von ihr ertappt. Doch er hielt ihrem Blick stand. Kurz nur, aber lang genug für sie.

Geht doch. So einfach. Erschreckend einfach.

Am frühen Abend hatte sie ihren Mann John ins Bad gebeten, um sie nach einem ausgiebigen Vollbad sanft einzucremen, am ganzen Körper. Danach hatte er ihr beim Anlegen des schwarzen Stretchkleides und bei der Auswahl der Schuhe geholfen. Eine sexy Garderobe, die heute für einen Anderen bestimmt war. Einen beliebigen Anderen, jeden beliebigen Anderen, wenn sie es wollte. Es war an der Zeit, ihn auf diesen Weg mitzunehmen, seine Erniedrigung auf eine neue Stufe zu heben, eine Stufe, die sein Liebesleid, den herbeigesehnten Stachel schmerzlicher Hingabe an sie, seine Frau, seine Geliebte, seine Königin, noch um ein vielfaches steigern würde, und damit auch ihre eigene verrückte Lust. Es war an der Zeit, seine Erniedrigung auf die höchste Stufe zu führen, die Stufe der Eifersucht.

Die Vielfalt des erotischen Kosmos aus Verlangen, Lust und Schönheit außerhalb des Ehebettes zu entdecken, hatte sie schon immer gereizt, denn nur so schien ihr seine ganze Tiefe, ja Abgründigkeit überhaupt erfassbar. Es ging ihr dabei nicht eigentlich um Sex. Den hatte sie mit John reichlich, glücklich und erfüllt. Der Reiz lag vielmehr darin, ihre Macht, die Macht ihrer Sexualität auszukosten, nicht nur bei John, sondern generell, bei allen Männern, nach denen ihr der Sinn stand, vielleicht auch bei Frauen. Genauer noch, nicht das Auskosten selbst, sondern die reine Möglichkeit, das Vermögen, ihre Macht, die sie zweifellos hatte, nach Belieben auskosten zu können, war es, was in ihr dieses unruhige Begehren auslöste, seit geraumer Zeit, und immer stärker. Eine Macht, die ihr mit zunehmendem Alter zuzufliegen schien, trotz der kleinen Fältchen, die sich langsam in ihrem Spiegelbild zeigten, oder womöglich gerade deshalb? Ihr spezielles Verlangen setzte Reife voraus, eine Reife, die sich auch in Falten messen ließ. Und es war stark, so stark, dass sich John ihm, ihrer Macht, aus Liebe und auch aus Veranlagung immer mehr unterwarf; zunächst nur im Bett, dann auch im Alltag. Einer Macht, so abgrundtief und unergründlich, dass sie einem den Atem rauben konnte, oder Tränen feucht in die Augen trieb; mitunter auch zwischen die Schenkel.

Sie konfrontierte ihn mit ihrem Wunsch, sich mit anderen Männern zu treffen, abends im Bett, als er nackt neben ihr lag, schutzlos. Er dachte zunächst, sie wolle eine offene Beziehung führen, was immer das war. Er hätte eingewilligt, wenn sie das glücklich gemacht hätte. Eine solche Offenheit würde Frauen mit einschließen, nun ja, da waren prickelnde Konstellationen denkbar. Eifersucht war ein Fremdwort für ihn. Aber dann verstand er. Sie wollte, dass er daran teilhatte, wenn sie fremdging, wollte dass er litt, wenn er zusah, und wollte das vor allem, damit er litt! Sie hatte Eifersucht, die im eigenen Entzug verwurzelte schmerzhafteste aller Emotionen der Liebe, für sich als Spielart auserkoren, zur Steigerung ihrer beider Wollust! Doch nichts lag ihm ferner, nichts beschäftigte ihn weniger als die Angst, sie verlieren zu können. Er konnte es sich nicht im Ansatz ausmalen.

Vielleicht war genau das der Grund, warum sie seinen Liebesdienst an ihr um diese leidvollste Erfahrung erweitern wollte. Wenn sie ihn dazu zwänge, ihr dabei zuzusehen, wie sie sich einen anderen nahm, oder schlimmer noch, wenn sie sich von einem anderen nehmen ließ, wie sie sich von ihm nie nehmen lassen würde, wäre sein Leid grenzenlos. Und seine Liebe. So tickte er. So tickten sie beide. Ihre eigene Lust bei diesem Spiel, das keines war, das passende Gegenstück zu seiner Seelenpein. Ihre Macht und seine Ohnmacht eine unzertrennliche Einheit, in Liebe.

Da saß er nun, als unfreiwilliger Voyeur, im zwielichtigen Dunkel der Ecke einer Bar, mit freier Sicht zur Theke, und lebte das Spiel seiner Frau im Verborgenen mit.

Das Jungchen lächelte sie an. Unsicher, nett, zu brav eigentlich, definitiv zu jung. Was mache ich jetzt mit ihm? Flirten? Knutschen? Alles albern. Ein Toy Boy. Na der wird sich wundern, wenn ich ihm klar mache, dass er mich zu Hause vögeln soll, während mein Mann zusieht! Uups, meine Fantasie geht mit mir durch. Ich habe John versprochen, nicht so weit zu gehen. Heute noch nicht. Andererseits…

Sie erhob sich, nahm ihre kleine Handtasche (in der sich auch ein Päckchen Kondome befand) und den Drink, und ging um die Theke herum. Der Unwissende ließ sie keine Sekunde aus den Augen. Ich werde ihm gleich zu Beginn klar machen, wo es lang geht. Entweder er akzeptiert meine Bedingungen, oder ich suche mir einen anderen! Sie blieb in einem gewissen Abstand vor ihm stehen, aufrecht auf beiden Beinen, aufrechter als nötig. Einen Wimpernschlag nur, aber lange genug, dass er Gelegenheit hatte, sich an ihrem Anblick zu entzünden. Dann trat sie dicht an ihn heran und beugte sich vor der lauten Kulisse so seinem Ohr entgegen, dass man ihre Bewegung auch anders hätte interpretieren können.

Siehst Du mich, John?

Der Junge eingeschüchtert, überwältigt.

„Gin Tonic Liebhaber?“

„Ja?“

„Der G’Vine ist ein Mädchengetränk.“ Ihr Tonfall divenhaft, herablassend. Er setzte zu einer Antwort an, doch sie fiel ihm ins Wort.

„Du hast das gemacht, um mir aufzufallen, stimmt’s?! Willst mich kennenlernen. Ich werde Dir Gelegenheit geben, mich etwas kennenzulernen.“

Es hörte sich wie eine Drohung an. Seine Handflächen wurden feucht, die Kehle trocken.

Der Barkeeper war ein erfahrener Mann. Es war nichts Neues, dass bei ihm an der Theke eine Frau zu einem Mann fand, und so machte er sich, abgesehen von einer absoluten Fehlinterpretation der Situation, keine besonderen Gedanken über seine Gin Tonic- Gäste. Die beiden blieben noch zehn, fünfzehn Minuten. Dann bezahlte er die Drinks. Wenig Trinkgeld. Die Frau, zweifellos eine Dame, hakte sich bei ihm ein und führte ihn hinaus in die Nacht.

In der gegenüber liegenden Ecke des Raums, an einem der kleinen Tischchen, erhob sich nahezu gleichzeitig ein Herr Mitte Vierzig. Er tat ein paar eilige Schritte in den Raum hinein, reckte seinen Kopf in Richtung Ausgang, und stolperte dabei über den Hocker am Nachbartisch. Er entschuldigte sich höflich bei den anderen Gästen für sein Missgeschick und ging wieder zurück zu seinem Platz, beruhigt, wie es den Anschein hatte. Er lehnte sich zurück, führte sein Whiskeyglas vor die Nase, und sog mit geschlossenen Augen genüsslich den Duft des schottischen Single Malt ein. Es würde nicht funktionieren, wie sie sich das vorstellte. Er fühlte keinen süchtigen Eifer, verspürte kein Bedürfnis, ihr hinterher zu steigen, auch keine Angst, sie zu verlieren. Sie hatte ihm schließlich versprochen, nicht mit ihm zu schlafen. Obwohl ihm diese Möglichkeit jetzt durchaus verführerisch erschien. Ein Fremder in den Armen seiner Frau. Er konnte es sich nicht erklären, aber der Gedanke erregte ihn.

Doch angenommen, nur einmal angenommen, sie wäre nicht zu Hause, wenn er sich gleich auf den Weg dorthin mache, würde nicht ans Telefon gehen, wenn er versuchte, sie zu erreichen; nur einmal angenommen…

Er stürzte seinen Whiskey mit einem hastigen Schluck hinunter, griff nach seiner Jacke, legte dem Barmann eilig einen Zwanzig Euro- Schein auf die Theke und eilte hinaus auf die Straße.

Eifersucht

Augenblick

AUGENBLICK ... Seminare sind wie Wundertüten, man weiß nie so recht, was einen erwartet. Manchmal bekommt man, was man schon hat, und manchmal bringt es einen aus der Fassung. Zweiteres vor allem durch Ereignisse, die nicht auf der Agenda stehen. ...

Der Tagungsraum füllte sich in kurzer Zeit und die Eintretenden setzten sich zielstrebig auf die im Halbkreis angeordneten Stühle, sechzehn an der Zahl. An der Wand stand ein Flipchart mit den etwas krackelig gekritzelten Worten ‚Herzlich Willkommen zum Führungsseminar‘. Das Chart verdeckte den Rand des Panoramafensters, das einen Fernblick auf die Tiroler Alpen bot. Ein strahlender Montagmorgen, die Gipfel noch mit den Resten des vergangenen Winters schneebedeckt. Auf einem einfachen Tisch, der die Öffnung des Stuhlkreises schloss, standen zwei Tischkarten, so groß, dass man sie auch noch von den entferntesten Rängen des Raums aus lesen konnte. Tanja Maschnik stand auf dem einen, Sibyl Biermann auf dem anderen. Die Namen der Seminarleiterinnen für diese Woche.

Sibly, ein seltsamer Name, wie ich fand. Musste es nicht heißen Sibylle? Oder Sybille? Mir war der mythologische Hintergrund des Namens entfallen, irgendwas mit Sirenen schwebte mir vor. Ich hatte die beiden Frauen beim Eintreten mit Handschlag begrüßt. Ein österreichisches Gespann, und routiniert wie mir schien, jedenfalls nicht verkrampft. Ich war der erste Seminarist im Raum gewesen, und hatte mich für einen unauffälligen Platz schräg mittig, vom Tisch aus gesehen entschieden, denn möglichst unauffällig wollte ich die Woche hinter mich bringen. Im Büro häufte sich die Arbeit, Bericht zur WiLa der EMEA-Region, Vorbereitung der AR-sitzung, eine Präsentation für den Personalvorstand über die WiLa des Konzerns, die Version für die Gewerkschaften wie immer um hundert Millionen nach unten gerechnet, die für die Investoren um hundert nach oben. Statt dessen schickte mich mein Chef auf ein Seminar. Und die Arbeit blieb währenddessen liegen. ‚Führung fühlen‘, ein schwachsinniger Titel. Nun denn, ein notwendiger Baustein für den nächsten Karriereschritt, womöglich die Nachfolge von meinem Chef, der, so munkelte man, zum Jahresende das Unternehmen verlässt. Immerhin, die Fernsicht auf die Berge war grandios, und ohne dass ich es recht bemerkte, waren plötzlich alle Stühle belegt. Ich wusste schon was kommen würde. Vorstellungsrunde, das war bisher auf jedem Seminar so, auf das ich geschickt wurde. Doch zu meiner Überraschung sollten wir diesmal nichts von uns erzählen, Günter Krüger, zweimal ‚ü‘, achtundreissig, BWL-Studium, tätig im Controlling eines Großunternehmens, Baumaschinen, nicht mehr, es geht ja keinen etwas an, dass ich allein lebe und gerne Bücher lese, am liebsten Liebesromane, die sind meist schöner als das wirkliche Leben. Wir sollten uns statt dessen erheben, langsam zwischen den anderen Seminaristen im kleinen Kreis umherschlendern, und bei einem von Frau Maschnik angekündigten Läuten einer Kuhglocke, wie kitschig, an Ort und Stelle stehenbleiben. Sie ließ uns gut eine Minute in Bewegung und ich sah viele Gesichter, geschätzt alle in den Dreissigern, zu meiner Verwunderung ein Überschuss an Frauen. Frauen in Führungspositionen, zweifellos ein Trend. Ein beunruhigender Umstand, jedenfalls was ein Seminar betrifft. Mit vielen Frauen in der Runde neigen solche Veranstaltungen dazu, persönlich zu werden, zu persönlich, für meinen Geschmack. Ich war immer der Ansicht, dass Arbeit und Leben strikt getrennt gehalten werden sollten. Es ging im Büro niemand etwas an, wie ich lebte, und meine Freunde suchte ich mir in der Freizeit, wenn ich denn welche hatte. Der Druck nahm seit Jahren beständig zu, und meist kam ich so spät von der Arbeit nach Hause, dass ich zu nichts mehr fähig war. Höchstens noch ein paar Seiten lesen, neben dem Abendbrot her, in der Badewanne, oder im Bett. Deshalb war ich voriges Jahr auch aus dem Tischtennisverein ausgetreten, achtzig Euro Jahresbeitrag für nichts. Die Gesichter flogen an mir vorbei und ich vergaß sie sofort wieder, aber nach der gefühlten Minute hatte ich etwa fünfzehn verschiedene, also alle, gesehen. Ich vermutete dahinter die ganze Absicht der Leitung, denn die Maschnik läutete die Glocke genau in dem Moment, als ich darüber nachzudenken anfing.

„Bitte bleiben Sie alle genau so stehen, wie Sie jetzt stehen. Auf mein Kommando wenden Sie sich um hundertachtzig Grad. Dann entscheiden Sie sich für die Ihnen am nächsten positionierte Person und wenden sich ihr so zu, dass Sie sich genau gegenüber stehen. Sollte Ihnen in diesem Moment niemand gegenüber stehen, gehen Sie auf die Ihnen am nächsten stehende Person zu, und stellen sich dieser gegenüber. Während der ganzen Zeit sprechen Sie kein einziges Wort. Die Kontaktaufnahme geschieht allein über Ihre Blicke. Wenn alle einen Partner haben, bleiben Sie voreinander stehen und sehen sich in die Augen, und zwar so lange, bis die Kuhglocke erneut läutet. Sie werden sich eine ganze Weile in die Augen sehen, und sie werden dabei nicht miteinander sprechen, noch sonst irgendwie austauschen.“

„Gibt es dazu noch Fragen?“ ergänzte Frau Biermann.

Ich antwortete wie die anderen mit einem stummen Schütteln des Kopfes. Das alberne Vorspiel nahm seinen Anfang, ich drehte mich langsam im Uhrzeigersinn, möglichst exakt auf die Sechs-Uhr-Position. Dann fokussierte ich meinen Blick, dessen linke Hälfte zwischen verschiedenen Köpfen hindurch an der gegenüber liegenden Wand hängen blieb, hellgraue Platten eines Raumteilers, während die rechte Hälfte von einem Ohr, von dessen Läppchen ein starkes Glitzern ausging, angezogen wurde. Ein echter Diamant wie es schien, eingerahmt von goldblondem Haar, nach hinten zu einem Zopf gebunden, und einem klaren Profil, kantiges Kinn, hohe Wange, ein geradezu modellhaft gerader Nasenrücken. Ich drehte mich leicht nach rechts, fast gleichzeitig wie der Kopf, der zu dem Ohr gehörte, sich mir zuwandte, und sah in das dunkle Augenpaar einer Frau, die mir bislang nicht aufgefallen war, obwohl ich doch geglaubt hatte, bereits mit allen Gesichtern des Morgens vertraut zu sein.

Um zu verstehen, was dann mit mir geschah, muss man sich im wahrsten Sinne des Wortes ‚vor Augen führen‘, was es bedeuten kann, mit einer Frau Blicke auszutauschen. Ein Blick ist nicht gleich ein Blick. Blicke können so unterschiedlich sein wie Sonnenaufgänge, oder Untergänge. Hell – dunkel, warm – kalt, strahlend klar – blass verschleiert, um nur einige Extreme zu bemühen. Ein Alltagsblick aus nüchternen Augen zum Beispiel saugt Information auf wie ein Scanner, der Daten auf eine Festplatte weitergibt. Die Steigerungsform ist ein Röntgenblick, der einem das unangenehme Gefühl vermittelt, man würde komplett durchleuchtet. Ein glasiger Blick aus geröteten Augen, oft im Zusammenhang mit geplatzte Äderchen, wirkt wie ein nebliger Vorhang, hinter dem das ganze Elend eines bacchischen Rausches verborgen liegt, mit getrübtem Urteilsvermögen, oder schlimmer. Ein Blick übrigens, der mir von meinem Chef höchst vertraut ist. Wie ein schläfriger Vorhang wirkt auch jener Madonnenblick, den ich in der Tat nur von Frauen kenne, mit nach oben, gen Himmel, weisenden Pupillen, die bereits halb unter den Lidern verschwunden sind, als wollten sie allein durch ihre Position andeuten, dass sie dem Herrgott näher sind als andere. Ein Blick voller Unschuld und Zerbrechlichkeit, entrückt gewissermaßen, und in Verbindung mit dem passenden leidenden Gesichtsausdruck ein einziges Rätsel. Wie kann jemand mit diesem Blick eine belebte Straßenkreuzung unverletzt überqueren, geschweige denn, sein Leben verantwortlich meistern? Ganz im Gegensatz dazu der Katzenblick, aus grünen oder blassblauen Augen, anscheinend leer, auf jeden Fall aber gefährlich kalt, und deshalb irritierend. Ich will nicht zu weit abschweifen, und darauf zurückkommen, was mir an diesem Morgen widerfuhr. Ich blickte plötzlich in große dunkle Augen, die mich fest ansahen. Ihre Farbe war von einem Braun, das fast ins Schwarze ging sie schienen mir unnatürlich groß, wie etwa eine Nase, die zu groß sein kann. Ich kann es im Nachhinein nicht mehr exakt rekonstruieren, aber ich glaube, dass ihre Pupillen so groß waren, dass das Braune nur noch wie ein kleiner Schatten das Schwarz umlief und sich dadurch noch deutlicher gegen das helle Weiss des Augapfels abhob. Ich blickte in diese Augen, und es war, als sähe ich auf einen spiegelglatten Bergsee, auf den ein Steinchen gefallen war. In beruhigenden Abständen breiteten sich von dort konzentrische Kreise aus und drangen mit ihrer Schwingung durch meine Haut hindurch in mein Inneres vor, ohne dass ich es hätte verhindern können. Unerträglich diese Situation, unerträglich- schön; Ich wollte etwas sagen, aber ich durfte ja nicht. So muss Romeo gefühlt haben, als er seiner Julia in die Augen sah, so muss es gewesen sein, zwischen Tristan und Isolde. Und nun ich! – Kuhglockengeläut. Neben dem Bergsee die sommerliche Alm, auf der in der Ferne gut genährte Kühe behäbig grasen. Ein Beben wollte sich in mir ausbreiten, und hingeben wollt‘ ich mich ihm, am ganzen Körper zittern, schwitzen, aber nicht doch, das Seminar! Mein Verstand, nüchtern und klar, behielt die Oberhand und löste sich vom Sog dieses verheissungsvollen Schlunds, um einen größeren, umfassenden Eindruck zu bekommen, wenigstens den des ganzen Gesichts, welches mich zweifellos mit einem strahlenden Lächeln willkommen heißen würde.

„Herr Krüger? Frau Zurhausen?“

Erschrocken fuhr ich auf. Eine leise Entschuldigung entfuhr mir, mehr in Richtung der Person, die mir gegenüberstand, als an Sibyl Biermann gewandt, die die Übung so abrupt für beendet erklärt hatte. Um nicht weiter unangenehm aufzufallen, wand ich mich von ihr ab, Frau Zurhausen ihr Name, und begab mich umgehend zu meinem Stuhl zurück. Es waren nur noch zwei Plätze im Abstand von drei Stühlen frei. Alle anderen Teilnehmer saßen bereits.

Der Rest des Tages gestaltete sich qualvoll. Diese Augen, dieser Blick! Ich war kaum im Stande, an etwas anderes zu denken. Unauffällig hatte ich mich geben wollen, und war doch gleich zu Beginn unangenehm aufgefallen. Aber egal. Ich würde mir die kommenden Stunden gewiss keine Blöße mehr geben. Sophie Zurhausen, man hatte sich kurz nach dem Austauschen der Blicke auf das allgemeine ‚du‘ geeinigt, war eine attraktive Frau in meinem Alter. Sie trug einen eng geschnittenen mokkafarbenen Businessanzug, der perfekt saß und wirkte darin schlank, geradezu sportlich. Ich warf ihr unbeobachtete Blicke zu so oft ich konnte. Das Seminar nahm mit meiner geringst möglichen Beteiligung seinen Verlauf. Sophie hielt die ihre ebenso zurück, so zurück, dass sie auch mich nicht mehr ansah. Unnahbar schien sie mir dadurch, unnahbar und begehrenswert. Die Art, wie sie mit ihren feingliedrigen und gewissenhaft manikürten Fingern eine widerspenstige Strähne wiederholt nachsichtig zurück hinter das geschmückte Ohr legte, dezenter Nagellack, ihr verschmitztes Lächeln, wenn jemand einen kleinen Scherz machte, ihr fester Blick, wenn sie Sibyl und Tanja im Vortrag folgte. Ich hätte sie zu gerne angesprochen. Doch sie schien sich mir zu entziehen, denn in den Pausen verschwand sie wie von Zauberhand und erschien erst wieder zum Läuten der Glocke. Erst später wurde mir klar, dass das nichts mit mir zu tun hatte, sondern allein mit der Tatsache, dass sie als Raucherin in den Zwischenzeiten stets die dafür vorgesehene Lounge aufsuchte. Ihre kleine Sucht erklärt wohl ihre Stimme, die zwar in meinen Ohren wohl klang und die spärlichen Worte gut gewählt in Richtung Publikum zu formulieren wusste, in der aber ein leicht rauchig-verruchter Ton mitschwang, der zu ihrem Wesen gar nicht zu passen schien. Was für eine Frau! Und dabei keineswegs kokett, wie unser intensiver Blickkontakt hätte erwarten lassen. Die Übung mit dem durchsichtigen Zweck, die Menschen allein aufgrund ihrer Augen einzuschätzen, eine sensorische Deprivation gewissermaßen, die dazu führen muss, die verbleibenden Sinne nur umso mehr zu schärfen, war gelungen. Und diese großartige Frau, die mir einen Einblick in die tiefsten Tiefen ihre Augen gewährt hatte, würdigte mich nun keines Blickes mehr. Zunächst war ich geneigt anzunehmen, dass sie ein unwürdiges Spiel mit mir spielte, eines, wie sie es mit jedem beliebigen Mann spielen würde, um ihn um den Finger zu wickeln. Aber soweit ich über viele Stunden hinweg an diesem ersten Tag beobachtete, entsprach das nicht ihrem Stil. Daraus konnte ich nur schließen, dass sie, mir in Zügen der Zurückhaltung wesensverwandt, ihre Gefühle der Öffentlichkeit schicklich verbarg, und es schien mir gesetzt, dass die Wirkung unseres tête à tête auf Gegenseitigkeit beruhen müsse. Diese Erkenntnis versetzte mich in höchste Unruhe. Eine Frau voller Feinsinn und Anstand, eine Frau, die in mir, dem in Beziehungsdingen unglücklich Glücklosen, gleichwohl nicht Unansehnlichen wie ich von mir selbst behaupten möchte, die in mir also einen angemessenen Gegenpol erkannte und mich mit ihrer ganzen Anziehungskraft aus meiner Verborgenheit lockte, einer Anziehung, die nicht auf der heute üblichen banalen Fleischeslust beruhte, sondern der Schönheit der Anziehung an sich gewidmet war, einer wahren Diotima also, und dem Eros kundig. Eine solche Frau könnte ich lieben! Und sie wollte mich lieben, denn nicht viel verlangte ich, nur die Liebe selbst, wie einst Madame Bovary, die ja allein aufgrund des Mangels an Liebe dem Kaufrausch verfiel. Mit mir wäre es ein Leichtes, denn keinen Kummer würde ich meiner Penelope bereiten durch eine Jahrzehnte währende Odyssee, ja würde kaum von ihrer Seite weichen. Sophie, welch‘ glanzvoller Name.

Am Abend schließlich sollte sich zeigen, wie es um unsere Angelegenheit bestellt war. Das nach dem Diner angesetzte ungezwungene Beisammensein in der Bar bot die Möglichkeit für einen lockeren Austausch zwischen den Teilnehmern. Ich gesellte mich zunächst zu einer Gruppe, die sich aufgrund ihrer gemeinsamen Branchenzugehörigkeit zusammengefunden hatte, nachhaltige Energiegewinnung. Die Vor- und Nachteile von Solar- gegenüber der Windenergie wurden leidenschaftlich diskutiert. Ich blieb stummer Zuhörer bis, in der Tat, Sophie, vermutlich nach einer Zigarette, die kleine Hotelbar betrat und sich an den Nachbartisch setzte, an dem überwiegend Marketingleute saßen. Es dauerte keine Minute, ich sah sie an, sie blickte zu mir herüber und – lächelte mich an! Unglaublich, Diotima- Penelope lächelte mir zu, mir! Dann erhob sie sich und ging zum Bartresen. Eine Einladung. Die Chance meines Lebens. Jetzt Günter, allen Mut zusammen, jetzt. Ich verließ meine technische Runde und näherte mich ihr langsam und angespannt.

„Hallo Sophie. Darf ich mich setzen?“

„Klar doch.“ Sie rückte mir den Barhocker neben sich zurecht.

„Was trinkst Du?“

„Einen Ramazotti auf Eis, mit Zitrone. Magst Du auch einen?“

„Nein danke. Ich bleibe beim Bier. Aber darf ich Dich auf den Ramazotti einladen?“

„Gerne.“

Was dann geschah, kann ich bis heute nicht erklären. Ein Verschmelzen zweier verwandter Seelen von der ersten Sekunde an. Wir scherzten, lachten darüber, tauschten uns auch ernsthaft aus, über die Flüchtlingskrise in Europa und deren Folgen für den Kontinent etwa, und über die heilende Wirkung gelingender Trauer, denn so wie ich vor kurzem meine Mutter verloren hatte, der Krebs, war ihr Vater von einer Bergtour in den Anden nicht zurückgekehrt, worauf sie die Leitung der Marketingagentur der Familie übernommen hatte. Das auch der Anlass für dieses Seminar. ‚Es kann jederzeit zu Ende sein‘ die Botschaft, aus der wir beide uns zu prostend ableiteten ‚carpe diem!‘; eine über die allgemeine Maxime hinausreichende, direkte und unmittelbare Handlungsaufforderung an uns selbst. Ich wuchs über mich hinaus, geriet in Feuer und Flamme, durch sie. Schließlich eröffnete ich ihr meine Leidenschaft für Liebesromane, die Franzosen insbesondere, Flaubert, Hugo, Balzac, meine glühende Begeisterung für die Liebe an sich, und sie sah mich mit ihren wundervollen großen und dunklen Augen aufmerksam, ja verlangend an. Meine Rede brachte sie sichtlich in Wallung, denn ihre Brust hob und senkte sich nun auffälliger als zuvor. Ich gestehe die Schwäche meiner Männlichkeit ein, in dieser Stunde nichts sehnlicher gewünscht zu haben als an ihrem Dekolleté zu ruhen.

Sie beugte sich leicht zu mir vor, und legte mir eine Hand auf die Schulter. Der Duft ihres Parfüms legte sich zusätzlich betörend auf meine Sinne.

„Ich mag Deine romantische Ader. Sie ist so herrlich – altmodisch, wie aus einer untergegangenen Welt.“

Daraufhin erhob sie sich, und beugte sich mir entgegen, ganz langsam, und gerade so, als wollte sie mich auf die Wange küssen. Ich meinte schon, ihre Lippen auf meiner Haut zu spüren, doch sie formte sie zu Worten, die wie dahin gehaucht mein Ohr erreichten. „Komm‘ mit, ich will Dir meine Welt zeigen.“

Ihr warmer Atem auf meinem Gesicht war noch nicht verflogen als sie wieder von mir ließ, und bevor ich wirklich verstanden hatte, was sie mir da gerade ins Ohr geflüstert, stand sie aufrecht an der Theke, um mit dem bereit liegenden Stift ihre Rechnung zu unterschreiben.

„Lass‘ mich das bitte übernehmen.“

Sie lächelte mir geheimnisvoll zu, ließ von der Rechnung ab und kritzelte stattdessen etwas auf meinen Bierdeckel. Ohne sich mir noch einmal zuzuwenden verabschiedete sie sich kurz in die Runde hinein und schritt aufrecht und mit großen Schritten aus dem Raum. Ihr Zopf wippte lustig hin und her. ‚Ich will Dir meine Welt zeigen‘, Wahnsinn! In Gedanken griff ich zu meinem Bierglas, ein wenig Ablenkung am Energietisch würde mir gut tun. Den Deckel ließ ich liegen. Darauf standen die Zahlen 2-1-2. Altmodisch sagte sie, ich weiß. Die meisten Leute finden meinen Hang zu Romantischem absonderlich oder halten mich gar für schwul. Aber die moderne Welt des cyberspace, in der alles sofort und direkt zur Sprache, oder schlimmer noch, aufs Bild kommt, und binnen Sekunden um die Welt läuft, schreckt mich eher ab. Doch Sophie hatte mich verstanden. Die erste Frau, die mich verstanden hatte, die erste Frau, der ich mich öffnen könnte, mit Worten und in Taten. Kein Zaudern, kein Hadern wie so oft schon, carpe diem! Sophie, liebe Sophia, zeige mir Deine Welt. So verabschiedete ich mich bald von der abendlichen Fortsetzung des Seminars und machte mich ohne Umwege mit erhitztem Gemüt auf den Weg. Das Zimmer 212 lag nur drei Türen von meinem, 215, entfernt auf demselben Flur. Ich stand vor der ihren, und fragte mich, was mich dahinter erwarten würde. Über mich selbst verwundert, zögerte ich keine Sekunde und klopfte dreimal fest dagegen, wie ein Specht, tock tock tock. Ein unerträglicher Moment der Stille. Da war nur die Tür, die mir in Messinglettern ihre Zugehörigkeit verriet, 212, und ich, der in ihrem Rahmen stand. Günter Krüger, zweimal ‚ü‘, hoffnungsloser Romantiker. Sonst nichts.

Dann das Klacken des Türschlosses, und die Wand vor mir öffnete sich in einen vertrauten Raum, eine exakt gespiegelte Version meines eigenen Zimmers. Aber was interessierte jetzt die Möblierung. Sophie strahlte mich an und bat mich herein. Auf dem kleinen Beistelltischchen neben dem Fernsehsessel standen zwei Weingläser, daneben eine Flasche. Sie hatte mit mir gerechnet. Oder zumindest mit der Möglichkeit. Ich hatte mich also zumindest nicht verhört, war willkommen.

„Magst Du Rotwein?“

Ich bejahte und sie füllte die zwei Gläser, nicht zuviel, nicht zu wenig. Ich setzte mich währenddessen auf den Schreibtischstuhl. Sie trug eine enge Jeans, und eine legere Bluse wie den ganzen Abend über, war aber jetzt barfuss. Gedämpftes Licht tauchte das Zimmer in eine warme Stimmung. Sophie reichte mir entspannt, mit einer gewissen Coolness, ein Glas. „Mein Liebestrank für Dich.“ Liebestrank, sie meinte es ernst, und mochte es direkt. Ich spürte, wie mir das Blut zu Kopfe stiegt und dort zu pochen anfing. Sie würde mich verführen, und ich würde es geschehen lassen. Ich war noch nie Teil einer Verführung, wie romantisch, wenngleich, das Vorzeichen, verkehrt, denn war es nicht an mir, dem Manne, dergleichen ins Werk zu setzen, und meine Schöne anzuschmachten, auf dass sie schwach werde und dahinschmelze unter meinen Worten und Taten? Doch modern ist unsere Zeit, und die Frau gleichgestellt. Für immer verloren scheint das Klassische zugunsten des Neuen, des Unerhörten, des aufkeimenden Zeitalters starker Weiblichkeit, und vielleicht war es in Zukunft umgekehrt an ihr, die Männlichkeit zum Schmelzen zu bringen und in jener Hingabe zu schulen, die bislang den Frauen vorbehalten. Sophie du Schöne, Sophie du Starke, Sophie mein Engel!

Wir prosteten uns zu, sie noch im Stehen, während ich mich in meinen Gedanken verlor, und nur wie durch einen Schleier wahrnahm, dass sie ihr Haarband löste, und durch ein leichtes Kopfschütteln ihre blonde Mähne frei gab. Es hatte etwas ungestümes, wildes, das Haar legte sich übers Gesicht und fiel über die Schultern nach vorne, ihrem Dekolleté entgegen, das sie jetzt Knopf um Knopf vor mir freilegte, bis meine Aufmerksamkeit ganz von den sanften Rundungen ihres Busens eingenommen, nah und näher. Sie setzte sich breitbeinig auf meine Oberschenkel, griff mit beiden Händen nach meinem Gesicht und neigte sich mir mit geöffneten Lippen entgegen.

Ihr Kuss,…welch‘ ein Kuss! Göttliche Sophie!, versetzte mich endgültig in Aufruhr, und Leben schoss kochend auch in die entlegensten Winkel meines Körpers. Nie hätte ich zu hoffen, ja nur zu träumen gewagt, dass mir solches einmal widerführe…

Sie legte die Hand auf meinen offen stehenden Mund und drückte meinen Kopf sanft aber bestimmt nach hinten, bis er fest gegen die hohe Rückenlehne des Stuhls gepresst war. Ich gab dem Druck nach, suchte ihren Blick und fand ihn sogleich, von oben herab auf mich niedergeworfen, dunkler und tiefer noch als am Morgen; er fixierte mich und Unergründliches kündigte sich darin an, das attraktive Frauengesicht in Wandlung begriffen. Ihre Hand glitt fast unmerklich ein wenig nach unten und legte sich um meinen Hals, eng, etwas zu eng. „Ich zeig‘ Dir meine Welt, zeig‘ Dir, wie sie mir gefällt.“ Schnell, viel zu schnell, ging das; ich blieb zurück hinter ihrem Knabbern an meinem Ohr, hinter der Hand in meiner Hose, konnte nicht folgen ihrer wollüstigen Raserei, in der sie plötzlich über mir stand, als nackte Schöne, die mein Gesicht mit Nachdruck ihrem Unterleib zuführte, wo mich eine feuchte Hitze verschlang. ‚Ich will, dass Du mich f…!‘ schoss aus dem Munde der Circe. Ein giftiger Pfeil, ich sprang getroffen auf, und sie fuhr erschrocken zurück. Das abgetragene Wort, heutzutage schon von Kindern in Schimpf und Schande benutzt, derart frech dahin gesagt in einem Moment äußerster Nähe und schmutzig als Forderung gestellt, das überstieg meine Kräfte. ‚Ich kann das nicht‘ war alles, was ich ihr schwach entgegen setzte, im Lauf schon auf die Tür zu und hinaus aus der 2-1-2 auf den rettenden Flur. Nach links und schnell hinein in mein eigenes Zimmer, hoffentlich hat mich niemand gesehen. Ich eilte zur Balkontür, riss sie auf und trat erleichtert hinaus in die klare Nacht eines mächtigen Alpenpanoramas, der Mond mein einziges Licht.

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