GEFÜGE - Roman

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Das Taschenbuch


 

Die Geschichte

Felix und Clara Pindor, ein noch junges Paar, das sich in der Bankenstadt eine Existenz aufbaut, lassen sich auf eine Ménage-à-trois mit der Studentin Maja ein. In Zeiten der Auflösung aller geschlechtlichen Ungleichheiten rühmen die beiden sich eines eigenen Weges. Doch ihre besondere Liebesordnung gerät duch eine sich anbahnende Katastrophe ins Wanken.

Hintergründe

Ist Sexualität ohne Macht denkbar? Widerspricht die Idee der individuellen Freiheit nicht den Gleichstellungsbemühungen des Gender-Mainstream? Mit soziologischer Neugier konfrontiert der Autor den Leser mit diesen Fragen und wirft uns am Ende auf unsere eigene Sexualität zurück. Ein Roman über das Begehren in Zeiten der Auflösung aller geschlechtlichen Unterschiede. Hochaktuell!

 

Leseprobe

Der Tag meines Glücks ist der 8. Januar 2012, denn an diesem Tag bot mir mein bester Freund aus Jugendtagen, Felix Pindor, sein Haus zum Kauf an. Kauf wäre zu viel gesagt, ein Geschenk eher, denn der Preis, den er dafür verlangte, war lächerlich niedrig. Am Abend zuvor hatte er mich angerufen und gesagt, er müsse mich dringend sprechen. Wir verabredeten uns in einem Bistro in Sachsenhausen und ich war neugierig zu erfahren, was derart dringend sein könnte, denn zu jener Zeit hatte ich kaum Kontakt mit ihm. Unsere Leben waren nach der Schule aus banalen Gründen langsam, aber beständig auseinandergedriftet – Job, Partnerschaft, Familie. Ich wusste nur noch wenig über ihn. Dass er im Marketing einer Bank in Frankfurt arbeitete und nach einer Scheidung wieder geheiratet hatte. Er war kinderlos, soweit ich wusste. Im selben Bistro hatten wir uns vor wenigen Monaten wiedergetroffen, nachdem es auch mich beruflich in die Stadt verschlagen hatte. Versuch eines Neubeginns, einer Art Freundschaft 2.0, bei welcher Gelegenheit sich auch unsere Frauen Clara und Judith kennengelernt haben. Er sah blendend aus, überraschte uns mit einer tollen Frau an seiner Seite und wirkte sehr entspannt. Er mochte immer noch die Farbe Schwarz, doch die Pullis und Jeans früherer Jahre hatte er gegen einen schicken Anzug mit Shirt getauscht. Eher beiläufig erfuhren wir, dass er Karriere gemacht hatte und das Marketing der Bank leitete. Vermutlich parkte vor der Tür sein schicker Wagen, aber er erwähnte es nicht. Augenscheinlich brachte ihm die Stadt Glück. Doch kam die wiederentdeckte Verbundenheit seither nicht so recht in Gang. Mehrere Versuche, sich mit den Frauen gemeinsam zu treffen, schlugen fehl und zwischendurch war Felix überhaupt nicht zu erreichen. Wären Judith und ich damals nicht so sehr mit uns selbst beschäftigt gewesen – der Geburt der Zwillinge und der Neuausrichtung meiner Karriere in der fremden Stadt, in der wir ein zu kleines, aber völlig überteuertes Dreizimmerappartement bewohnten –, hätten wir vielleicht aus der Lokalpresse etwas vom Fall Pindor mitbekommen. Ich hätte mir die Zeit genommen, Felix zu helfen, wenn er denn Hilfe benötigte und sie angenommen hätte. Ich hatte jedoch nicht die geringste Ahnung, und er muss dies gespürt haben, denn er war frei von Vorwürfen, als wir uns an jenem nassen, für Januar viel zu milden Tag an einem Tischchen in einer ruhigeren Ecke des französischen Restaurants gegenübersaßen. Sein Großmut ist mir freilich erst bewusst, seit ich im Bilde bin über die Ereignisse der vorangegangenen Monate. Ich erschrak, als ich ihn sah. Er hatte abgenommen, und die Ringe um seine Augen schienen sein Wesen auszuhöhlen. Sein Haar, vor kurzem noch schwarz, war plötzlich ergraut. Er kam schnell zum Punkt und bot mir an, sein Haus, und mit ihm alles, was darin sei, zu übernehmen. Ich war erschüttert. Er hatte mir dieses Haus einmal gezeigt, damals ein Neubau kurz vor der Fertigstellung. Wir waren im Anschluss an eines unserer wenigen After-Work-Biere, die wir seit der Wiederbelebung unserer Freundschaft zustande bekommen hatten, in den Taunus gefahren, weil ich mich dafür interessierte, wo und wie man im Rhein-Main-Gebiet gut und bezahlbar leben kann. Er präsentierte mir eine kleine Villa, die keine Wünsche offenließ, mit Garten und Doppelgarage. Ich staunte und war auch ein wenig neidisch auf seinen Erfolg im Leben, den ich durch dieses auffällige Zeichen moderner Architektur als gesetzt ansah. Ein solches Haus wäre ein Traum für mich und meine Familie – und würde es angesichts unserer finanziellen Lage zweifellos immer bleiben. Auf meine naheliegende Frage, warum, ging er nicht ein. »Ausgeschlossen, Felix. Dein Haus ist großartig und ich würde es sofort übernehmen, aber das können wir uns nicht leisten. Und mit allen Möbeln?« Er nickte zunächst, schüttelte dann aber vehement den Kopf. »Ja. Macht damit, was ihr wollt. Ich mache euch ein Angebot, das ihr nicht ablehnen könnt.« Daraufhin erzählte er mir eine Geschichte. Seine Geschichte und auch wiederum nicht seine. Mir wurde bewusst, dass er bei unseren Bieren zum Feierabend oberflächlich und verschlossen geblieben war. Wie gesagt, ich war neu in der Stadt, von deren Reizen überflutet, von der Neuorientierung mit meiner jungen Familie gefordert, und ich denke, es ist diesen Umständen geschuldet, dass ich mich nicht über seine Zurückhaltung wunderte, die er an diesem Abend beendete. Was er mir zu berichten hatte, zeugte von Verwirrung, davon, dass er selbst nicht begriff, was ihm zugestoßen, was um ihn herum vorgegangen war. Dies kann ich ihm als Entschuldigung dafür anrechnen, dass er sich mir nicht früher anvertraute. Vermutlich brauchte er diese Zeit auch, um sich zu vergewissern, dass ich der Richtige sei für das, was er glaubte tun zu müssen. Jedenfalls hatten diverse Ereignisse dazu geführt, dass seine von mir so heil eingeschätzte Welt eingestürzt und eine neue Welt aus seiner Sicht nur durch einen kompletten Neubeginn wieder zu errichten war. Mit einem ironischen Grinsen bemühte er dafür den abgedroschenen Bezug zu Hesse, wonach jedem Anfang ein Zauber innewohne. Solche Anfänge hatten wir uns mit zwanzig nicht vorgestellt, und Felix’ Verbitterung, die in seiner gesamten Erzählung mitschwang, beruhte vermutlich auch darauf, dass er seinen eigenen naiven Idealismus durchschaute: auf der verzweifelten Suche nach einem dringend benötigten Zauber. Bezeichnenderweise spielt diese Geschichte in den Jahren des Kachelmann-Prozesses, jenem Strafverfahren über eine vermeintliche Vergewaltigung in einer Liebesbeziehung, die den Kölner Strafrechtler Norbert Gatzweiler zur Aussage veranlasste, dass dieses Verfahren das wohl erschütterndste Beispiel für die aus den Fugen geratene Medienberichterstattung in unserem Land sei. Von Anfang an sei dabei nicht nur die Unschuldsvermutung mit Fü.en getreten worden. Schwerwiegende Fehlentscheidungen, eine kaum noch nachvollziehbare Einseitigkeit der ermittelnden Staatsanwaltschaft und eine über weite Strecken immer deutlicher werdende Vorfestlegung des Gerichts, jeweils in deutlicher Kombination mit lancierten Medienberichten, hätten jede Chance einer fairen Prozessführung von Anfang an zunichtegemacht. Für meine Begriffe ein Vorgeschmack darauf, wohin sich die Öffentlichkeit und die von ihr überschätzte eigene Meinung in Zukunft entwickeln wird, vor allem, wenn es um das Thema Sexualität geht. Von wegen Aufklärung, von wegen sexuelle Revolution. Vordergründig hat die Gender-Diskussion alle sexuellen Unebenheiten planiert, doch prüder denn je, diese öffentliche Meinung! Und wenn ich mir den Verlauf der Geschichte ansehe, in der Felix eine Rolle spielte, fühle ich mich darin bestätigt. Zunächst schien sich darin fast alles um das Haus selbst zu drehen. Allerdings war das auch der Aspekt, der mich am meisten interessierte. Sein Angebot war in der Tat verlockend, die eindringliche Wiederholung, dass ich ihm dadurch einen Freundschaftsdienst erweisen würde, ermutigend, so dass ich die Gelegenheit nutzte und zugriff. Judith, die sich nicht allzu viele Gedanken über die Hintergründe machte, begeisterte sich sofort für die Idee, die räumliche Enge der Stadtwohnung gegen den Luxus einer Villa vor den Toren der Stadt einzutauschen. Ich bezog mit meiner Familie schon zwei Wochen nach unserem Gespräch, und noch bevor alle Verträge und Formalitäten abgeschlossen waren, das Anwesen, das er »Das Haus unter der Linde« nannte. In seinem Arbeitszimmer fanden wir einen Berg Papiere. Texte, zusammenhanglose Passagen, manche Seiten am Computer geschrieben, manche von Hand. Dazu ein Wust an Artikeln und Kommentaren aus Zeitungen und sozialen Medien. Manches Blatt war zerknüllt, andere zerrissen und wieder zusammengeklebt. Einige waren von eingetrockneten Flecken in der Größe von Wassertropfen gewellt. Dieses Material war der Schlüssel zur Antwort, die sich auf meine Frage: Warum?, wie beim Häuten einer Zwiebel langsam herausschälte. Ich bleibe dabei, ein echtes Glück für meine Familie, auch wenn ich längst weiß, dass das scheinbar so überaus günstig erstandene Gebäude nur die schöne Verpackung einer am Ende tragischen Angelegenheit war, zu deren Teil ich unfreiwillig geworden bin. Ich kann niemand etwas vorwerfen. Felix nicht, und schon gar nicht Judith. Ich selbst war es, der nach einer Antwort gesucht und sie gefunden hat, indem ich alles, was ich darüber weiß, in meinen Gedanken ordnete und nun in einem Zusammenhang erzähle, der mir wahr oder zumindest naheliegend erscheint. Hätte Clara Pindor gesehen, was sie erst zwei Jahre später sehen würde, und hätte sie gewusst, was sie zwei Jahre später wusste, sie hätte vermutlich getan, was sie zwei Jahre später tat, als sie auf das Gaspedal drückte und das Weite suchte. Stattdessen stieg sie aus ihrem Wagen und gab damit dem Verlauf ihres Lebens eine neue Richtung. Die hohe Mauer entlang der Straße wirkte bedrohlich. Der Beton, aus dem sie einst gegossen worden war, bröckelte an einigen Stellen in kleinen Klumpen aus der Wand, und es schien ihr fast, als würde die dunkelgraue Fläche, deren Zweck wohl darin lag, den dahinterliegenden Hang wirkungsvoll abzustützen, heute nur noch durch das hier üppig wuchernde Moos und Efeu zusammengehalten. Die weit ausladenden und dicht gewachsenen Kronen zweier alter Eichen ragten über die Begrenzung des dahinterliegenden Grundstücks so auf die Straße hinaus, als wollten ihre Äste nach vorbeigehenden Passanten und Fahrzeugen greifen, zumindest aber ihnen das Licht des Tages ein wenign rauben. Es war kein Ort, der zum Verweilen eingeladen hätte. Hierzu wohnen, schien ihr völlig abwegig. Die Fahrt hier raus, vergeudete Zeit, wie es schien, während im Büro die Arbeit liegen blieb. Etwa auf halber Höhe der Eingrenzung wurde deren Flucht durch einen von der Straße um mehrere Meter zurückgesetzten Unterstand unterbrochen. Was vermutlich einmal als Garage gegolten hatte, erschien nun durch das installierte und von Grünspan überzogene Eisengitter eher wie eine abgesperrte Räuberhöhle. Der vage Blick, den das dämmrige Restlicht auf das Innere des Raumes zuließ, offenbarte dem Betrachter außer etwas Brennholz, einem klapprigen Fahrrad und großen Mengen an Hausmüll nichts Spannendes; Verwahrlostes eben. Enttäuscht fasste sie sich an die Schläfe. Es fiel auf den ersten Blick auf, dass dieses Anwesen im Taunus, in einem am Waldrand gelegenen Vorort der Gemeinde Steinhausen, dem Untergang entgegenging. Die Frau, die aus dem schnittigen Coupé gestiegen war und so skeptisch dreinblickte, trug einen gut sitzenden Businessanzug. Das beobachtete eine Nachbarin vom Küchenfenster aus und würde es gleich aufgeregt ihrem Mann zu berichten haben. »Eugen, eine Fremde aus der Stadt sieht sich gerade das Grundstück vom Weller an.« Auf dem Dorf bleibt nichts unbemerkt. Die Fremde nahm die Örtlichkeit mit prüfendem Blick in Augenschein. An der linken Seitenwand der Zufahrt lag ein durch ein schweres Eisentor gesicherter Mauerdurchgang, hinter dem eine schmale Treppe nach oben führte. Das Tor war angelehnt. Einige schon vergilbte Werbebroschüren lagen lose auf dem unteren Treppenabsatz, einen Briefkasten schien es nicht zu geben. Die ursprünglich in die Wand eingelassene Klingel hing, zusammen mit einem oxidierten mehradrigen Kabel, herausgerissen in der Luft. Die Stufen lagen im Halbdunkel, obwohl die Sonne um diese Uhrzeit hoch am Himmel stand. Die Frau ging darauf zu und rümpfte die Nase. Ein modriger Geruch breitete sich von hier aus. Sie musste sich in der Adresse geirrt haben, denn was sie hier vorfand, entsprach keineswegs dem, was die Annonce versprochen hatte. Parkähnliches Grundstück, das konnte ja wohl nicht ernst gemeint sein. Der Blick nach oben lenkte ihre Aufmerksamkeit auf weitere Eichen, die hinter der Mauer standen, die vorderste so dicht am Treppenaufgang, dass sie bereits die Betonwand einzudrücken drohte. Die Bäume mussten über hundert Jahre alt sein, schätzte sie, und das in einem vorstädtischen Wohngebiet. Beeindruckend. Clara Pindor war auf der Suche nach einer Immobilie für sich und ihren Mann Felix.

Buchtrailer

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